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7/8.2014


 Was ist die documenta? Wie lässt sich der Charakter der internationalen Gross­ausstellung mit sechzigjähriger Geschichte in einem Bild verdeutlichen? Dem Fotografen Gert Hausmann ist das Kunst­stück anlässlich der Verabschiedung des langjährigen docu­menta-Geschäftsführers gelungen.


Die graue Eminenz


  
Gert Hausmann · documenta-Forum Kassel, 2014. Von links: Okwui Enwenzor, d 11; Rogel Buergel, d 12; Carolyn Christov-Bakargiev, d 13; Adam Szymczyk d 14 und Bernd Leifeld


Vor einer diffus-postmodernistischen Glasfassade und einem erwartungsvollen gutbürgerlichen Publikum sehen wir einen Herrn im grauen Anzug. «Mr. Grey» nennen wir mal diese mächtig aufragende Gestalt, die latent gewalttätig wirkt, aber auch etwas Humorvolles gesagt haben könnte. Vor ihm aufgereiht die erste Sitzreihe, drei Herren und eine Dame. Einer der Herren, bunt wie ein Clown in Rotkariert gekleidet, amüsiert sich über Mr. Greys Bemerkung. Die wächsern-bleiche Dame rechts von ihm - deren Lockenfrisur nicht minder an eine Clownsperücke erinnert - lacht mit. Der hagere Herr am rechten Rand deutet gequält ein Lächeln an, wie ein Schüler in Erwartung einer Gardinenpredigt blickt er zu Mr. Grey auf. Nur der Herr am linken Rand schaut unbeteiligt, ernst und würdevoll in eine globale Ferne.
Okwui Enwenzor (d 11), Rogel Buergel (d 12), Carolyn Christov-Bakargiev (d 13) prägten die postmoderne Transformation der documenta zu einer wahren Weltausstellung; Adam Szymczyk wird als Kurator der d 14 auf ihrer Arbeit aufbauen. Die Kuratoren sind das Gesicht der documenta, können die Erfolge für sich reklamieren, stehen gerade für die Trends des Kunstdiskurses, die unter Umständen morgen schon als veraltet und lächerlich empfunden werden. Die documenta GmbH steht hingegen für den langen Atem der Gastgeberstadt, sie bildet das Rückrat dieser Mammutausstellung, die sich noch immer glänzend gegen die Biennalen in aller Welt behauptet - nicht trotz, sondern wegen ihrer provinziellen Erdung und organisatorischen Solidität. Mr. Grey alias Bernd Leifeld hat die documenta als Marke verwaltet und geschützt, installierte das Auswahlverfahren für die künstlerische Leitung, suchte und zügelte Sponsor/innen und erdete die Schau in der Region. Dass der Mann hinter den Kulissen irgendwann selbst Platzhirschgebaren an den Tag zu legen begann, ist bei einem derartigen Unternehmen wohl kaum zu vermeiden. Seiner Nachfolgerin Annette Kulenkampff, vormalig Chefin beim Verlag Hatje & Cantz, ist die documenta wohl vertraut - bekam ihr Verlag doch mehrfach den Zuschlag zur documenta-Katalogproduktion - somit weiss sie auch um die Doppelgesichtigkeit dieser Schau: Einerseits grauer Provinzalltag mit der üblichen Bürokratie & Kleingeisterei, andererseits Glamour des einschwebenden internationalen Kunst-Jetsets. Es ist wie das Leben eines Maikäfers: Fünf Jahre lang wühlen als weissgrauer Wurm, ein paar Wochen lang schwärmen durchs Sonnenlicht - und dann geht alles wieder von vorne los.

Christian Saehrendt, Kunsthistoriker aus Kassel, lebt in der Schweiz. christian.saehrendt@web.de




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Ausgabe 7/8  2014
Autor/in Christian Saehrendt
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