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Besprechung
7/8.2014


Hans Rudolf Reust :  Bill Viola, der Meister der grossen Gefühle, hat im Kunstmuseum Bern sowie im Münster mit seinen Videoprojektionen Einzug gehalten und spannt so einen Spannungsbogen quer über die Aareschlaufe, vom weltlichen ins sakrale Ambiente. Das Münster bietet den spirituellen Themen einen idealen Resonanzraum.


Bern : Bill Viola - Passion


  
Bill Viola · Observance, 2002 , High-Definition Video, Farbe, Plasmabildschirm , 120,7x72,4x10,2 cm, 10'14'. Foto: Kira Perov


Der amerikanische Künstler Bill Viola nimmt seit vier Jahrzehnten im Diskurs um die Videokunst einen bedeutenden Platz ein. Mit Beiträgen auf wichtigen internationalen Bühnen, u.a. dem amerikanischen Pavillon an der Biennale Venedig 2007, hat er die Form des bewegten Bildes nahe an die Statik und an die öffentliche symbolische Tradition der Altarbilder geführt. Es ist daher ein besonderes Ereignis, dass es der Kuratorin Kathleen Bühler gelang, die Präsentation seiner Werke in Teilen der Sammlung des Kunstmuseums mit einer Aussenstation im protestantischen Berner Münster zu verbinden. Der Bildersturm der Reformation, der in Bern schon historisch nicht besonders streng war, erfährt nun einen meditativen iconic turn.
‹Passions›: Allein durch den Ausstellungstitel werden die Werke in Verbindung mit der Karwoche vor Ostern aus der allgemeinen Sphäre der Leidenschaften zur Passion Christi hin gewendet. Der hochformatige Flatscreen im Chor zeigt mit ‹Observance›, 2002, einen unausgesetzten Reigen von Menschen, die aus der Tiefe des Bildes, ruhig und gefasst, doch in ihrer Trauer und ihrem Entsetzen gleichermassen gebannt auf einen Gegenstand blicken, der vor ihren Füssen, im Off zwischen uns und ihnen, liegt und der ihre kollektive und gleichzeitig höchst persönliche, innige Rührung auslöst. Wir kennen Bilder leidender Angehöriger aus dem täglichen Nachrichtenkonsum, wo Kameras sich bei Katastrophen vordrängen. Die stumm inszenierten, durch Verlangsamung in jeder kleinsten Regung ausgestellten Gesten sollen uns der Trauer, losgelöst von einer konkreten Geschichte, näher bringen.
Rein technisch bestimmt durch eine spezifische Aufnahme- und Wiedergabequalität steht Video heute vor der Auflösung. Die Miniaturisierung der Kameras und der Schnittplätze, die damit verbundene exponentiell wachsende Popularisierung sowie die Verschmelzung fotografischer, filmischer und animierter digitaler Bilder lassen die Videokunst primär noch in ihren Bezügen auf eine Tradition des bewegten Bildes verstehen. Godard beispielsweise hat die Differenz zum Fernsehbild noch in vielfachen Brechungen reflektiert. Viola konfrontiert uns mit seinen gemäldeartigen Szenen auf Flachbildschirmen oder in Grossprojektionen mit der schwierigen Unterscheidung zwischen unmittelbar anrührenden Live-Aufnahmen und präzis inszenierten Bildern und der Frage nach deren symbolischer Kraft.

Bis: 20.07.2014


Permanent Installation ‹Martyrs›, St. Paul's Cathedral, London, ab 21.5.



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Ausgabe 7/8  2014
Ausstellungen Bill Viola [12.04.14-20.07.14]
Institutionen Kunstmuseum Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Bill Viola
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