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Besprechung
7/8.2014


Christian Saehrendt :  Ein wahres Kaleidoskop von Eindrücken bietet das Kunstmuseum Thun mit seiner Sommerausstellung: Historisches und Zeitgenössisches, Buntes und Graues, Objekte, Grafiken und Filme - der pseudoarchaische Kultraum des Kollektivs U5 ist dabei das Kernstück.


Thun : U5 - Bügelperlenkathedralenbauer


  
U5 · Parasite, 2014, Ausstellungsansicht, Kunstmuseum Thun. Foto: Ian G.C. White


Im vierköpfigen Zürcher Kollektiv U5 bleiben die Mitwirkenden anonym, sie stellen den gemeinsamen Werkprozess über die Vermarktung ihrer Einzelkarrieren - eine sympathisch altmodische Haltung, in der noch von fern die marktkritischen Achtzigerjahre aufscheinen - aber auch das Beuyssche Motto der Sozialen Plastik. Im halböffentlichen Atelier in Zürich entstehen die Installationen und Objekte auf sukzessive Weise, ein quasi organisches Wachstum, bei dem u. a. mit Heissluftpistolen Plastikteile wie Kabelbinder, Wäscheleinen, Verpackungen und bunte Bügelperlen aufgeweicht und verklebt werden. Wer Kinder beobachtet hat, die in mühevollausdauernder Arbeit mit den kleinen Perlen Bilder und abstrakte Muster erzeugen, die dann gebügelt zu scheibenartigen Bildwerken werden,  weiss um den «Flow», den diese kontemplative Tätigkeit erzeugen kann. Den Obelisken, Stelen und Objekten der Thuner Installation ‹Parasite› von U5 sieht man an, welchen Spass die Produktion gemacht haben muss. Zum Einsatz kamen dabei laut Aussage der Beteiligten: «Finger, Heissleimpistole, Heissleimfön, Chirurgenbesteck» und viel Geduld. Herausgekommen ist ein veritabler Kultraum, der archaisch wirkt, obwohl er mit modernen Billigmaterialien ausgeschmückt wurde. Zum Kult gehört stets auch der Rausch. Und wer einmal länger mit Heissluftpistolen gearbeitet hat, kennt die psychotrope Wirkung der dabei entstehenden Plastik- und Lackdämpfe - kann es sein, dass die Bildfindung des U5-Kollektivs auch aus dieser Quelle mystischen Erlebens schöpfte?
Des Weiteren sind in Parallelausstellungen im Thuner Kunstmuseum zu sehen: Holzschnitte Albrecht Dürers, mit denen er Sebastian Brants Gedicht ‹Das Narrenschiff› aus dem Jahr 1494 illustrierte, Arbeiten des kanadischen Multimediakünstlers Marcel Dzama, ‹Hollow Laughter›, und eine speziell für Thun konstruierte raumfüllende Installation von Augustin Rebetez, ‹When our dreams trickle down your umbrella the weather is nice›. Besteht hier ein Zusammenhang? Allen Ausstellungsteilen ist gemeinsam, dass sie Türen zu vielgestaltigen, schillernden Welten öffnen - jeder Künstler bekam hier die Gelegenheit, sein selbstgebasteltes Universum zu zeigen. Ein bunter Strauss optischer Eindrücke wartet auf die Besucher und Besucherinnen des ehemaligen Hotelgebäudes an der Aare. Langweilig wird es hier sicher nicht, auch wenn die grosse Frage nach «dem Sinn des Ganzen» offen bleibt.

Bis: 17.08.2014



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Ausgabe 7/8  2014
Ausstellungen Albrecht Dürer, Marcel Dzama, Augustin Rebetez, U5 [17.05.14-17.08.14]
Institutionen Kunstmuseum Thun [Thun/Schweiz]
Autor/in Christian Saehrendt
Künstler/in U5
Künstler/in Marcel Dzama
Künstler/in Augustin Rebetez
Künstler/in Albrecht Dürer
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