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Besprechung
7/8.2014


Verena Kuni :  Eine Gestalt in dynamischer Bewegung. So kraftvoll schreitet sie aus, dass sich die Konturen ihres massigen Körpers verformen. Dort, wo die Glieder die Luft durchschneiden, glänzen Zacken wehenden Faltenwurfs gleich Flammen im Licht. Und doch rührt sie sich nicht, keinen Meter weit. Zum Raum wird hier die Zeit.


Vaduz : Lens Based Sculpture - Auswirkung von Fotografie auf Skulptur


  
links: Georges Demeny · Saut en longueur sans élan, ca. 1906, Courtesy Hans P. Kraus Jr., New York
rechts: Michel Sauer · Föhn, 1978 (Detail), Kunstmuseum Liechtenstein ©ProLitteris. Foto: Silke Helmerding


Umberto Boccionis ‹Forme uniche della continuità nello spazio›, 1913, eine Inkunabel des Futurismus, hat bis heute nichts von ihrer eindrücklichen Kraft verloren - und sie steht am Beginn einer Schau, die in der frühen Moderne ansetzt, um ihr Thema bis in die Gegenwart zu verfolgen: Die Impulse, die das Zeit fixierende Medium der Fotografie den auf den Raum zielenden Künsten, Skulptur und Plastik eingetragen hat. Und bereits hier, wo sich die Ausstellung noch auf vergleichsweise gesichertem Terrain der Kunstgeschichte bewegt, weiss sie mit neuen Einblicken Akzente zu setzen: Zu den bekannten Arbeiten aus dem Umfeld des Futurismus und des Kubismus, den Bewegungsfotografien von Eadweard Muybridge und Ètienne-Jules Marey, der selbst schon von seinen Vogelflug-Studien Güsse hatte fertigen lassen, gesellen sich erhellende Funde aus den Zettelkästen von Marcel Duchamp.
Vor allem aber ist höchst spannend zu sehen, wie dann der Faden über die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in die zeitgenössische Kunst weitergeführt wird, sich ganz unterschiedliche Stränge auf überraschende Weise kreuzen, die Potenziale des Bild gebenden Apparats mit jenen der raumhaltigen Formung des Materials in Dialog treten: Abbild und Abdruck, Fixierung, Spiegelung und Projektion, die Transformationen der Dimensionen. Das gilt nicht allein für die Fotografien, die das Flüchtige jener Erscheinungen bannen, die nur in der Zeit existieren - von Duchamps Rotationsflächen bis zu den Explosionswolken in Roman Signers Aktionen. Verzweigte Pfade führen von den frühen Foto-Skulpturen eines Claudius Givaudan zu Arbeiten von Martin Honert und Karin Sander, von Duane Hansons ‹Man with Camera›, 1991, lässt sich ebenso zu Ron Muecks hyperrealistischen Skulpturen weiterschreiten wie zu Arbeiten, in denen die Fotografie und der Kamera-Korpus selbst zum Thema werden.
Konzept und Prozess, Materialexperimente und Performance begegnen einander in diesem Koordinatensystem und finden in neuen Wahlverwandtschaften zusammen. Als wahre Schatzkammern erweisen sich dabei die Kabinette mit den «Synoptischen Tableaus». Hier präsentieren Bogomir Ecker und Raimund Kummer - die zusammen mit Herbert Molderings und Friedemann Malsch für die kuratorische Forschungssonde verantwortlich zeichnen - einen Bilderatlas, der selbst als Raumzeitmaschine funktioniert, den Horizont dieser rundum sehenswerten Schau nochmals erweitert und zugleich zentrale Perspektiven pointiert.

Bis: 31.08.2014



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Ausgabe 7/8  2014
Ausstellungen Lens Based Sculpture [16.05.14-31.08.14]
Institutionen Kunstmuseum Liechtenstein [Vaduz/Liechtenstein]
Autor/in Verena Kuni
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