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Besprechung
7/8.2014


Niklaus Oberholzer :  Die Beziehungen Ilya Kabakovs zu Zug sind intenisv. Dem gläsernen unterkühlten Bahnhofsbau setzte er einen subversiv tröpfelnden Trinkbrunnen entgegen. Fürs Kunsthaus entwickelte er 2010 die Idee eines öffentlichen Sammlungsarchivs. Nun zeigt das Haus Kabakovs Werke ab 1965 aus Schweizer Privatbesitz.


Zug : Ilya Kabakov - Ich beginne zu vergessen


  
links: Ilya Kabakov, Anna Prochorowna Sobina: Wem gehört dieser Flaschenreiniger?, 1981, Objekt (Metall, Bürste), Öl- und Emailfarbe auf Spanplatte, 120x170 cm ©ProLitteris
rechts: Ilya Kabakov,The Collage of Spaces # 1, 2010, Öl auf Leinwand, Collection Valentin Bukhtoyarov ©ProLitteris


Seit seiner ersten Einzelausstellung im Westen in der Kunsthalle Bern 1986 sind die Kontakte Ilya Kabakovs (*1933) zur Schweiz intensiv. Das erklärt die prominente Präsenz der Werke des Russen in hiesigen Privatsammlungen, und das ermöglicht auch Unternehmen wie die umfangreiche, von Matthias Haldemann gemeinsam mit Ilya und Emilia Kabakov kuratierte Ausstellung im Kunsthaus Zug. Diese wurde zu einer eigentlichen Retrospektive und bietet beste Gelegenheit, sich in kaum je gezeigte Werkgruppen, aber auch Dokumente und Publikationen Kabakovs zu vertiefen. Hilfreich ist oft auch ein Blättern in den zur Verfügung stehenden Werkkatalogen mit ihren ausführlichen Kommentaren - der ins Bild einbezogenen russischen Texte wegen, aber auch weil der politische Kontext sicher wenigen vertraut ist.
Erstmals ganz zu sehen ist auch die Gemäldeserie ‹Collage of Spaces›, entstanden in den Jahren um 2010, in der Kabakov Bildfetzen sowjetischer Propagandabilder so kombiniert und collagiert, dass wir mehrere verschwimmende und sich teils auch widersprechende Realitätsebenen gleichzeitig wahrnehmen. Wir werden Zeugen von Kabakovs Auseinandersetzung mit russischer Avantgardekunst und Suprematismus: Er tut das mit Schalk und führt die imaginäre Malerfigur Charles Rosenthal ein, die sich als Alter Ego Kabakovs zwischen Konstruktivismus und Realismus nicht entscheiden kann, beides zusammenführt - und damit die alltägliche Schizophrenie der von vielen Zwängen bedrängten sowjetischen Künstler visualisiert. Beeindruckend auch die Begegnung mit den in den düsteren Achtzigerjahren entstandenen ‹Küchenbilder› und Malereien, in die Kabakov Bemerkungen von imaginären Betrachter/innen einfügte. Mal lesen wir in den Ecken einer blauen Fläche: «Das ist der Himmel», in der zweiten «das ist ein See», in der dritten «das ist das Meer» und in der vierten «das ist frische Luft». Knapper lässt sich Ideologiekritik nicht auf den Punkt bringen.
Überhaupt zeigt sich Kabakov immer wieder als der grosse, oft wehmütige Erzähler, der die Alltagssorgen und -wünsche seiner russischen Zeitgenossen in einfachste Bilder und Worte fasst. Die Ausstellung trägt den Titel ‹Ich beginne zu vergessen›: Vergessen als eine Erfahrung des Achtzigjährigen, Vergessen als ein möglicher - oder eben doch unmöglicher? - Umgang mit einer bedrückenden Vergangenheit. Wehmut wäre aber der falsche Schlusspunkt: Kabakov zeigt sich in dieser Ausstellung auch mit enormer, kreativer und zukunftsgerichteter Kraft.

Bis: 17.08.2014



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Ausgabe 7/8  2014
Ausstellungen Ilya Kabakov [25.05.14-17.08.14]
Video Video
Institutionen Kunsthaus Zug [Zug/Schweiz]
Autor/in Niklaus Oberholzer
Künstler/in Ilya Kabakov
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