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Besprechung
7/8.2014


Daniela Hardmeier :  Wie subtil ein spirituell aufgeladener Ort sich zum Bedrängenden hin wandeln kann, zeigt die Berner Künstlerin Chantal Michel in einer ehemaligen Kirche. Suggestive Videos, verstörende Inszenierungen und eine geschickte Gestaltung von Licht und Temperatur machen es möglich.


Zürich : Chantal Michel - Gefangen in der Zitadelle


  
links: Chantal Michel · Die elfte Episode, 2006, Videoloop, 4'16', Rauminstallation Zitadelle, Zürich
rechts: Chantal Michel · Das Werden des Gewordenen, 2005, Videoloop, 4'30', Rauminstallation Zitadelle, Zürich


In der neuesten Installation der Künstlerin Chantal Michel (*1968, Bern) mutiert die frühere Neuapostolische Kirche Wollishofen zu einem Ort an der Grenze von Spiritualität und Verführung, von Faszination und leisem Horror. ‹Die Zitadelle› nennt die Künstlerin ihr Gesamtkunstwerk. Das mehrstöckige Haus ist hermetisch abgeschottet, das Tageslicht und die Aussenwelt bleiben ausgesperrt. Eine Mischung aus Videoarbeiten, Fotografien, sparsam möblierten Zimmern und Gängen, synthetischen Klängen, die sich durchs Haus ziehen, sowie ein diffuses, vielfach über Discokugeln gebrochenes Licht kennzeichnen diesen Ort. Michel ist eine versierte Choreografin, die ihr Publikum geschickt leitet. Ihre Figuren wirken meist seltsam entrückt und verrenkt, sie funktionieren nach einem schwer durchschaubaren Plan und lassen uns irritiert zurück. Einzig im Keller ein befreiender Lichtblick, ein Video mit absurden Protagonisten, das uns kurz auflachen lässt, bevor wir wieder in diese emotional unterkühlte Stille zurückkehren.
Michel hat sich in den letzten Jahren mit traumwandlerischen, verspielten, abgründigen Rauminszenierungen einen Namen gemacht. Der Raum und der Bezug des Körpers dazu ist denn auch das grosse Thema ihrer Arbeiten. Dass sie ursprünglich vom Tanz herkommt, ist evident. Die Settings wirken wie Bühnen, ihre Posen wie eingefrorene Bewegungsabläufe. Hierzu passt, dass sie sich selbst als Modell benutzt, ihren Körper als Folie, der mit Inhalt aufgeladen wird. Ihr Interesse gilt rhythmisierten Abläufen, parallelistischen Anordnungen und symbolisch aufgeladenen Themen. Dass Ferdinand Hodler ein wichtiger Bezugspunkt ist, verwundert nicht. In der Zitadelle zeigt Michel eine Fotoserie inspiriert von seinen Gemälden. Am stärksten wirken hier jene Fotografien, in denen sie dem angeeigneten Werk eine eigene Interpretation hinzufügt wie bei ‹Jüngling in Versuchung den Morgen zu beschreiben›, 2014.
Nach dem Rundgang bleiben Fragen: Wer ist Chantal Michel, als Künstlerin, als Person? Welche Rolle kommt dem Publikum zu in dieser präzise inszenierten und durchaus auch emotional stark aufgeladenen Situation? Wie gefangen ist sie selbst in ihrer Kunst? Sicher ist, dass das stete Unbehagen, das einen in dieser Zitadelle begleitet, eben nicht nur aus dem Ort, sondern auch aus der Kunstperson Chantal Michel genährt wird.

Bis: 06.09.2014



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Ausgabe 7/8  2014
Ausstellungen Chantal Michel [16.06.14-06.09.14]
Institutionen Die Zitadelle [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniela Hardmeier
Künstler/in Chantal Michel
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