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Besprechung
7/8.2014


Anna Francke :  Gips ist zum bevorzugten Werkstoff von Miriam Sturzenegger geworden. Sie setzt ihn für architektonische Installationen, für Abgüsse vorgefundener Gegenstände und als unkonventionellen Bildträger für Zeichnungen ein. Die Resultate sind reduziert und - im Gegensatz zum Material - keineswegs spröde.


Zürich : Miriam Sturzenegger - Quasi archäologische Techniken


  
Miriam Sturzenegger · Container, Ausstellungsaufnahme, Galerie Bob Gysin, 2014. Foto: Andrin Winteler


Annähernd diagonal teilt eine monumentale Struktur den Ausstellungsraum der Galerie Bob Gysin der Länge nach. Die drei auf vier Meter messende Front aus 24 rechteckigen, mit einer dünnen Gipsschicht überzogenen Styroporplatten wird rückseitig von dünnen Aluverstrebungen stabilisiert. Eine Wand in modularer Leichtbauweise, die an Stellwände für Bilder erinnert. Als vorgeblich ideale Ausstellungssituation seit der Moderne sind weisse Wände und der White Cube trotz zahlreicher künstlerischer Attacken noch immer vorherrschende Präsentationsmodi. Miriam Sturzeneggers (*1983, Trogen) fragile Konstruktion wäre dafür wenig geeignet. Auch die Elemente bilden lediglich auf den ersten Blick eine plane Fläche, die zwischen spiegelglattem Gips und vagen Spuren des Herstellungsprozesses changiert. Aus einem temporären Eingriff im Raum - die Streben nehmen das fürs Gewicht der Front notwendige Volumen ein - resultiert ein hybrides Konstrukt, das die Funktionalität eines Displays andeutet und zugleich verweigert. Eine Leerstelle zwar, die aber über das Potenzial eines Platzhalters verfügt.
Auch die auf dem Boden platzierten geschwärzten Platten sind aus Gips. Als Negativabgüsse der Furchen und Materialablagerungen vorgefundener Tischplatten überführen sie die Spuren von Arbeitsprozessen in eine detailgetreue Topografie. Durch das Einfärben mit Tusche und Verschieben der Ausschnitte ist es ein abstrahierender Aneignungsprozess, der einem tradierten Verfahren folgt, das bis ins 20. Jahrhundert für Abgusssammlungen antiker Skulpturen verbreitet war. Selbst als Träger für geometrische Grafitlinien und Skizzen fragmentarischer Raumszenarien kommt Gips zum Einsatz. Für die kleinformatigen Tafeln hat die Künstlerin beim Giessen mit unterschiedlichen Dichten experimentiert, getrieben vom Interesse an Baumarktmaterialien, temporären Architekturen, Trocken- und Modularbauweisen.
Sturzeneggers Arbeiten legen Strukturen offen, die üblicherweise verborgen oder unbeachtet bleiben. Oft entziehen sie sich einer Bildhaftigkeit - bis auf die Fotografie ‹Auxiliare›, 2014, die eine oktogonale Glashaube zum Schutze von historischen Mauerresten bei der Kathedrale von Lyon zeigt. Dieses Motiv widerspiegelt die Bedeutung von Spuren, Konservierungsverfahren und quasi archäologischen Techniken in Sturzeneggers Arbeiten - dafür eignet sich Gips ebenso gut wie für den Verputz einer weissen Wand.

Bis: 19.07.2014



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Ausgabe 7/8  2014
Ausstellungen Miriam Sturzenegger [23.05.14-19.07.14]
Institutionen Bob Gysin [Zürich/Schweiz]
Autor/in Anna Francke
Künstler/in Miriam Sturzenegger
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