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Besprechung
7/8.2014


Daniel Morgenthaler :  Wenn Weiches hart wird - und umgekehrt: Der in Kalifornien ­lebende Lausanner Künstler Christopher Füllemann pendelt mit seinen bildhauerischen Arbeiten in der Galerie Rotwand zwischen unterschiedlichen Härtegraden - und entwickelt ­dabei eine Rhetorik der Skulptur.


Zürich : Christopher Füllemann - Der Haken an der Skulptur


  
Christopher Füllemann · Falling out of sunset, 2014, Textil, Polyurethan, Epoxy, Lackfarbe, Holz, 340x219x130 cm, Courtesy Galerie Rotwand Zürich. Foto: Alexander Hana


Christopher Füllemanns (*1983, Lausanne) Werke haben oft einen Haken. Und zwar einerseits ganz buchstäblich: Viele der momentan bei Rotwand zu sehenden neuen Arbeiten werden von einem - meist in zerbrechlichem Keramik gearbeiteten - Haken nach oben gezogen. ‹Remember love› etwa, wo ein mit Polyurethan verhärtetes Textil einem Haken nach oben folgt, oder ‹Morning laughs›, wo ein gelbes Tuch einen Haken hat. Wobei es diesen eben gar nicht bräuchte: ‹What is soft is hard› heisst die Ausstellung. Und dieses die gesamte Schau durchziehende Oxymoron - ein rhetorisches Stilmittel, das zwei gegensätzliche Inhalte zusammenbringt - sorgt dafür, dass Textilien statisch die Haken tragen, von denen sie eigentlich an der Wand hochgezogen werden sollten.
Damit wäre man bereits beim zweiten Sinn des Hakens an den Arbeiten von Füllemann: Man hat als Betrachterin oder Betrachter mit althergebrachtem Berührungsverbot keine Chance. Ist eine runde Form in der Arbeit ‹Emotion in motion›, die an einen Ballon erinnert, hohl oder tonnenschwer? Mussten für ‹Falling out of sunset› die Wände der Galerie verstärkt werden, damit sie die aufgehängten, kettenartigen gelben Elemente - Füllemann hat mit Malerei angefangen, was man auch an der präzisen Bemalung der Skulpturen erkennt - aushalten? Oder lässt sich alles tel quel aus der Galerie tragen, wie der Handgriff an der Arbeit ‹Tongue twister› - die tatsächlich einer gewundenen Zunge ähnelt - suggeriert? Und sind die schön drapierten, textil anmutenden Elemente in den Arbeiten am Ende so hart wie die marmornen Textilien in klassischen Denkmälern?
Rhetorische Stilmittel wie das Oxymoron funktionieren so, dass sie sprachliche Gewissheiten in Frage stellen und beispielsweise verunklären, ob etwas nun hart oder weich sei. Dafür ist der Erkenntnisgewinn umso grösser. Füllemanns Ausstellung verfolgt eine ähnliche, eine materielle Rhetorik: Vermeintlich gesicherte Wahrnehmungsgewissheiten werden aufgehoben, und Materialien entwickeln - damit visualisiert er Vorstellungen aus den Theorien des ‹spekulativen Realismus› - ähnlich unberechenbare Eigenschaften wie Personen. Füllemann hat so auch schon Skulptur und Person zusammengebracht: Für eine Ausstellung in San Francisco entwickelte er 2013 ein Display, in dem auch Musiker aktiv wurden - und auf das man sich setzen durfte. Ganz ohne Haken.

Bis: 12.07.2014



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Ausgabe 7/8  2014
Ausstellungen Christopher Füllemann [24.05.14-12.07.14]
Institutionen Galerie Rotwand [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Christopher Füllemann
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