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Besprechung
7/8.2014


Katharina Holderegger Rossier :  Die Architektin und Designerin Martine Bedin und die Künstlerin Mai-Thu Perret haben 20 Jahre nacheinander je eine eigene gestalterische Bühne erobert - visuell und geistig vom gleichen Kraftfeld der Moderne zehrend. Samuel Gross sorgt nun in der Fondation Speerstra für eine Begegnung der beiden Frauen.


Apples : Martine Bedin und Mai-Thu Perret - ‹Week-end à Rome›


  
links: Martine Bedin · Bureau tranquille, 2003-2014, Holz und Farbe, 167x84x84 cm, und Mai-Thu Perret · Niki, 2013, Keramik und Leder, 42x19x6 cm, Ausstellung Fondation Speerstra. Foto: Annik Wetter
rechts: Mai-Thu Perret · Unconditional Sign II, 2011, Neon, 358x491 cm, und Unconditional Sign IV, 2011, Neon, 358x324 cm, und Martine Bedin · Table à tout faire, 1979-2014, Padouk, Stroh, 91x184x67 cm, und Grande bibliothèque, 2009-2014, Holz und Lack, 240x265x30 cm, Ausstellungsansicht Fonda­tion Speerstra. Foto: Annik Wetter


Der auf den Sommerhit von 1984 anspielende Ausstellungstitel ‹Week-end à Rome› lädt dazu ein, sich auf eine Vespa in das Italien der Achtzigerjahre zu träumen - und loszubrausen an die nächste Cocktailparty zwischen Mädchen in Print-Kleidern und Jungen mit Blow-Dry-Frisuren. Vor Kulissen wie dieser nahm auch Gestalt an, was gewisse Design- und Architekturhistoriker für die letzte innovative Ausdehnung der Moderne halten. Allerdings verstand es nur eine Frau, die 1978 als Stipendiatin nach Florenz gekommene Martine Bedin (*1957), sich in der dabei führenden Gruppe um Ettore Sottsas zu behaupten, die von 1981 bis 1988 unter dem vieldeutigen Namen ‹Memphis› auftrat. Erprobt wurden namentlich eine spielerische Beziehung zum Objekt und ein bislang ungekannter Materialmix.
Nur wenige der Entwürfe Bedins aus der ‹Memphis›-Zeit gingen damals jedoch in Produktion und fast nur Lampen, wie auch das ikonische ‹Super›, ein von Glühbirnen in farbigen Schäften besetztes Vehikel. Die heute international gefragte Architektin und Designerin setzte es sich deshalb vor zwei Jahren zum Ziel, zehn weitere ihrer damals gezeichneten Objekte umzusetzen und legte diese einer Reihe von Personen zur Auswahl vor - so auch Gross, den sie damals zufällig kennen lernte.
Dass es Gross «fast natürlich» erschien, Perret (*1976) in das spontan in die Fondation Speerstra geholte Projekt Bedins einzubeziehen, hätte der ersten Präsentation der inzwischen fabrizierten Prototypen kaum mehr Relevanz verschaffen können. So wird die gut dreissig Jahre dauernde Durststrecke, die Bedin zwischen der Konzeption und der Realisation dieser Objekte erlebte, gleichsam zu einem Vorspann der feministischen Revision der Moderne, an der Perret mit ihren Gegenständen für eine utopische Frauenkommune in der Wüste von Neumexiko seit 1999 arbeitet.
Woran es indes liegt, dass der Anteil von weiblichen Positionen in Kunst, Design und Architektur in unserer Gesellschaft hier und heute seit Jahren bei 20% stagniert, schwant einem in der sensibel eingerichteten Ausstellung mit Blick auf Bedins ‹Bureau tranquille›, 1983-2013, unter Perrets Keramiken ‹Niki›, 2013, die auf den ­Arbeitsoverall anspielen, den Jean Tinguely Niki de Saint-Phalle geschenkt hat. In synchronem Blau tönen die beiden Werke an, wie viel verflixter es für jede kreative Frau immer noch ist, sich beruflich einen ‹Room of One's Own› auszubedingen wie auch privat das nötige Verständnis dafür zu finden.

Bis: 17.08.2014



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Ausgabe 7/8  2014
Ausstellungen Martine Bedin, Mai-Thu Perret [08.03.14-17.08.14]
Institutionen Fondation Speerstra [Apples/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Martine Bedin
Künstler/in Mai-Thu Perret
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