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7/8.2014




Genève : Joachim Koester


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Joachim Koester · The Kant Walks, 7-teilige Fotoserie, C-Prints, je 47,8x60,8 cm, und Text
rechts: Joachim Koester · The Place of Dead Roads, 2014, HD-Video-Installation, Farbe, Ton, 33'3', Centre d'art cont. Genève. Foto: Annick Wetter


Joachim Koester (*1962, Kopenhagen) hat eine Passion für alles, was jenseits des alltäglichen Bewusstseins liegt, denn seit der Kindheit verlässt sein Geist zuweilen den Körper, um zu einem Flug über sein Leben hier auf Erden anzusetzen. Die eigenen Reisen in das Verborgene hat Koester jedoch künstlerisch nie behandelt; seit seinem Abschluss an der Königlichen Dänischen Kunstakademie 1993 archiviert er vielmehr beharrlich die Spuren, die andere Intellektuelle, oder auch Gurus, ja Kriminelle sowie subversive Kollektive von allen möglichen Selbst-Entgrenzungs-Erfahrungen hinterlassen haben - oder haben könnten. In seinem erstmals zu einer Rückschau vereinten Werk, die zurzeit im Centre d'art contemporain gastiert, spricht Koester also weniger über irgendwelche Metarealitäten, als über die Frage, ob etwas, das ausserhalb des Evidenten liegt, aufgezeichnet werden kann. Seine Forschungen kulminieren dabei meist in Fotografien oder filmisch aufgezeichneten Performances, da in ihnen, wie es schon W. Benjamin und J. Grotowsky formulierten, dem Grosshirn entspringende Automatismen ins Spiel kommen.
Man mag offen sein für die Idee, dass in diesen Medien deshalb auch Feinstoffliches gerinnen kann - oder nicht; wie Koester es in seiner Arbeit immer wieder erreicht, die Brüchigkeit materieller Existenz gegenüber der Macht geistiger Energien vor Augen zu führen, ist bestürzend. Für die mit ‹The Kant Walk› betitelten Fotografien hat er etwa die ehemals lauschigen Stationen der täglichen Spaziergänge des Philosophen in seiner 1945 von Königsberg in Kalinigrad umbenannten Heimatstadt ausfindig gemacht und in ihren von historischen Dramen markierten Zuständen aufgenommen. Durch diese Aufnahmen erscheint einem die spätere Paranoia des Autors der ‹Kritik der reinen Vernunft› plötzlich prophetisch. Um dagegen das mit ‹The Place of Dead Roads› betitelte Video herzustellen, hat er je ein Tänzerpaar geheissen, die mechanischen Handlungen der Weissen bzw. die archaischen Bewegungen der Indianer bei Duellen in Westernfilmen in sich aufzunehmen - und unmittelbar findet man das im gleichnamigen Roman von W. S. Burroughs beschworene Gefühl der Grenzgänger wieder. Weniger weil diese die Ränder der westlichen Zivilisation ausdehnen, als weil sie kraft ihrer subtileren Konzeption des Universums neue Gebiete kolonisieren.
Nicht zuletzt aber nutzt Koester die Ausstellung dazu, um den Boden unter unseren Füssen ins Wackeln zu bringen: So hängen seine Fotos an lila flirrenden Wänden, während seine Videos in einem aus alten Brettern gezimmerten Labyrinth laufen, das wie eine Opiumhöhle nur spärlich von grünen Lampions beleuchtet ist und in dem es nach Harz und Beize riecht. «Inhalieren», wie es sich Koester als Attitüde des Publikums wünscht, auf eigene Gefahr!

Bis: 17.08.2014



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Ausgabe 7/8  2014
Ausstellungen Joachim Koester [23.05.14-17.08.14]
Institutionen Centre d'Art Contemporain [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Joachim Koester
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