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7/8.2014




Marseille : Adrian Schiess


von: Miriam Wiesel

  
links: Adrian Schiess · Peinture, 2014, Provence Alpes Côtes d'Azur ©ProLitteris
rechts: Adrian Schiess · 2010, Kirchenfenster von Collégiale Saint-Pierre-aux-Liens, Six-Fours-Les-Plages ©ProLitteris. Foto: Miriam Wiesel


Ist es schön? Verführerisch? Allein so zu fragen führt in die Irre. Vor Schönheit muss man sich in Acht nehmen, betont der an Punk geschulte Künstler, um sich nicht darin zu verlieren. Wie aber begegnet man dem, was Adrian Schiess (*1959, Zürich) da vor einem ausbreitet, den rechteckigen, manchmal angestossenen Platten, die mit einem glänzenden Industrielack versehen sind, gemalt, damit die Zeit verstreicht, oder den an der Wand präsentierten Malereien auf Nylongaze, die aussehen, als hätte Schiess damit «den Atelierboden aufgewischt»? Ist vielleicht Poesie, wie sie die No-Future-Generation so nonchalant gepflegt hat, der treffendere Begriff?
Das FRAC in Marseille, das dem Künstler jetzt eine grosse Ausstellung widmet, weiss, wen es sich ins Boot geholt hat: Schiess hat viele Jahre in Südfrankreich gelebt, einige der Werke stammen aus der eigenen Sammlung. Für die Präsentation haben die Kuratoren dem Künstler carte blanche gegeben.
Und so zeigt er für seine «Autorenausstellung» alte und jüngere Arbeiten auf zwei Etagen: Im Untergeschoss monochrome, aber auch polychrome mit Fotografien versehene Arbeiten, in denen sich einfallendes Tageslicht und die Architektur spiegeln, sowie eine Reihe manchmal silbrig glänzender Leinwände. Diese ‹Flachen Arbeiten› resp. ‹Malereien› tragen die Spuren ihrer Entstehung in der Horizontalen, die fotografischen Oberflächen (seit 2007) als konkrete Blicke auf den Boden, die Leinwände, als hätten sie im Garten des Künstlers gelegen, Sonne und Regen ausgesetzt.
Ähnliches setzt sich in der oberen Etage fort, nur öffnet sich dieser Raum in einer Glasfront, wodurch mehr Licht eindringt. Schiess hat ihn fast ganz mit verschiedenfarbigen monochromen Arbeiten ausgelegt, in denen man sich spiegeln und so als Teil des Werks erleben kann. Gleichzeitig gerät etwas von dem pittoresken Durcheinander der dicht angrenzenden Gebäude in den Blick: ein Marseiller Mietshaus mit Wäsche vor den Fenstern. Ist diese Öffnung in die Nachbarschaft, die programmatisch für das FRAC als Ganzes steht, künstlerisches Kalkül oder werkkonstitutive Entgrenzung von Malerei, Licht und Leben? Jedenfalls wirkt sie ähnlich charmant wie die Titel der neueren Arbeiten, ‹Mon jardin›, ‹Coucher de soleil› oder schlicht ‹Été›.
«Leben, ich weiss nicht, wie das geht», sagt er im lesenswerten Gespräch mit Ulrich Loock, das viel zum Verständnis von Schiess beiträgt, aber ihm die Offenheit und existenzielle Verunsicherung lässt, die sein Werk jenseits des Formalen auszeichnet. Wer mehr von ihm sehen möchte, sollte sich die berückend schönen Kirchenfenster in der Collégiale Saint-Pierre-aux-Liens in einem Weiler in 60 km Entfernung von Marseille nicht entgehen lassen.

Bis: 31.08.2014


mit Katalog E/F



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Ausgabe 7/8  2014
Ausstellungen Adrian Schiess [24.05.14-31.08.14]
Institutionen FRAC PACA [Marseille/Frankreich]
Autor/in Miriam Wiesel
Künstler/in Adrian Schiess
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