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7/8.2014




Neuchâtel : Armand Schulthess


von: Katharina Holderegger Rossier

  
Armand Schulthess · Eine Stelle seines Guts in Auressio TI, 1971. Foto: Hans-Ulrich Schlumpf


Das Centre Friedrich Dürrenmatt schliesst seinen anregenden Ausstellungszyklus zum Motiv des Labyrinths mit der bislang grössten Einzelschau zu Armand Schulthess (1921-1972). Wie Dürrenmatt war auch dieser vom Schicksal gebeutelte Autodidakt eine der Naturen, die dem Chaos der Welt durch eine Nachschöpfung begegnen. Der in Neuenburg geborene Schulthess gewinnt im späteren Mann der Mutter nur einen kalten Vater, muss sein einziges Kind begraben, wird von beiden Frauen verlassen, kann seine in Zürich und in Genf aufgezogene Damenkonfektion 1934 nicht mehr halten. In der unsteten Zeit danach kommt er mit progressiven und subversiven Kreisen in Berührung und fängt zugleich an, in selbst gebastelten Büchern ein enzyklopädisches Wissen abzulegen, das in Form von Texten, Collagen, Zeichnungen und Plänen über Praktisches wie Kochen, Ehe und Landbau bis zum Kulturschaffen reicht. 1939 fügt er sich nochmals in ein bürgerliches Leben als Bundesbeamter in Bern, bereitet aber auf einem 1942 im Onsernonetal gekauften Gut schon ein autarkes, ganz seinen geistigen und künstlerischen Interessen gewidmetes Leben vor, in das er 1951 ausbricht.
Die Ausstellung vereint praktisch alle der heute noch vorhandenen Dokumente und Fragmente des Werks, das von dieser Zäsur an bis zu seinem Tod auch in den Kastanienhain auszugreifen beginnt. Entlang eines Wegesystems bringt Schulthess auf Blechdeckeln Verweise auf die Inhalte seiner Bibliothek an sowie Aufforderungen, sie zu konsultieren, ja sogar Einladungen, sich als weiterer artist in residence zu ihm zu gesellen oder seine Muse zu werden.
Ingeborg Lüscher, H. U. Schlumpf und Corinna Bille, die während ihrer fotografischen, filmischen und literarischen Annäherungen von der Räumung des Guts durch die Erben 1973 überrascht wurden, bringen uns Schulthess' poetisches Universum näher, und sie machten es bekannt. Erst die originalen Arbeiten vermitteln das Werk jedoch in seiner ganzen Wucht: Wie Schulthess u.a. auf den Blechdeckeln mit sparsamsten literarischen und epigrafischen Mitteln das von der Menschheit angehäufte Wissen wieder auf das Staunen zurückführt und das Urverlangen nach Bindung antönt, ist schlicht und einfach grossartig. Die Schau ist kuratiert von der Doyenne der Collection Art Brut in Lausanne, Lucienne Peiry. Hors murs schlägt sie hoffentlich dennoch eine Bresche dafür, Schulthess wieder in die Kulturgeschichte des 20. Jh. zurückzuschreiben. Wie schon Szeemann schwante, der ihn in die Documenta 5 und weitere Ausstellungen aufnahm, hätte Schulthess vielleicht gar nie auf einen anderen Planeten gehört: So kauzig er geworden sein mag, hat er seit den Zwanzigerjahren herumgeisternde Ideen wie das Raumgedächtnis und die Mehrfachvernetzung schon gestalterisch umgesetzt, als die Generation erst pubertierte, die solche Konzepte - ohne sein Beispiel zu ignorieren - breiter auszuloten begann.

Bis: 03.08.2014



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Ausgabe 7/8  2014
Ausstellungen Le labyrinthe poétique d'Armand Schulthess [30.03.14-03.08.14]
Institutionen Centre Dürrenmatt [Neuchâtel/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
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