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7/8.2014




Frankfurt : Die Göttliche Komödie


von: Grit Weber

  
links: Kiluanji Kia Henda · Othello's Fate, 2013, aus der Serie ‹Self-Portrait As a White Man›, Courtesy MMK Frankfurt. Foto: Axel Schneider
rechts: Edson Chagas · Oikonomos, 2013, Courtesy Palazzo Gallery, Brescia


Dort, wo Leben existiert, herrscht auch der Tod. Das Wissen um solche Zusammenhänge gehört zu den grossen Gemeinsamkeiten jeder Kultur, jeder Religion, ja und auch jedes Individuums, vorausgesetzt, es verdrängt das Wissen über die Endlichkeit seines eigenen Lebens nicht vollständig. Der Kurator Simon Njami hat nun fünfzig Künstlerinnen und Künstler mit afrikanischen Wurzeln nach Frankfurt eingeladen, deren Werke Fragen nach Todesvorstellungen, nach einem möglichen Jenseits, nach Hölle oder Paradies nachgehen. Dies ist also eine Schau, die aussereuropäische Kunst nicht vornehmlich als Auseinandersetzung mit dem Postkolonialismus inszeniert, die keine historisch-kritische Perspektive wählt, sondern das allgemein menschliche Bewusstsein über das Ableben des Menschen für die Kunst produktiv macht. Geistiges Initial liefert Dantes ‹Göttliche Komödie› als neuzeitlicher Meilenstein europäischer Literatur überhaupt. Doch wird schnell deutlich, dass die Künstler/innen aus Südafrika, dem Sudan, Kamerun, Marokko oder Kenia keine Interpretationen zu Dante liefern. Vielmehr dient ihnen der Text als offene Anregung, er bildet gleichsam die innere Struktur der Schau, die sich mit den Kapiteln Paradies, Fegefeuer und Hölle über alle drei Etagen des Museums erstreckt.
Viele der gezeigten Werke können über die Sinnlichkeit der verwendeten Materialien und Medien erfasst werden, auch ohne dass ein erklärender Text Zugang zur Kunst verschafft. Einige Arbeiten, so die Kleiderskulptur ‹Houris, Rêve de Martyrs› von Majida Khattari, die auf eine Überlieferung Mohammeds beruht, wonach den Märtyrern 72 Jungfrauen im Paradies versprochen werden, bleiben allerdings in süsslichen Schwelgereien stecken und liefern kaum Erkenntnisförderndes. Nabil Boutros hingegen vermittelt mit der begehbaren Installation ‹Promise Gate› eine komplexe Erfahrung in einem Spiegelkabinett auf Wolkenhimmel: Zitate aus der Thora, der Bibel und dem Koran bilden eine religionsübergreifende Paradieslandschaft, in der ein referenzielles Spiel mit moralischen Leitsätzen und deren Adressaten entsteht. Grossartige Werke wie ‹Othello's Fade› von Kiluanji Kia Henda aus Angola, ‹The Fighter Red Fish› von Amal Kenawy aus Ägypten, ‹Rebus› von Minnette Vári aus Südafrika und andere mehr machen die Ausstellung sehenswert.


Bis: 27.07.2014



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Ausgabe 7/8  2014
Institutionen MMK Museum für Moderne Kunst [Frankfurt/M/Deutschland]
Autor/in Grit Weber
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