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6.2014




Bern : Bilder vom heilige Bill


von: Christian Saehrendt

  
Bill Viola Tempest (Study for The Raft), 2005 High-Definition Video, Farbe, Flachbildschirm 109 x 66 x 10.2 cm, 16:50 Minuten Foto: Kira Perov © Bill Viola Studio


Bill Viola, Pionier und Grossmeister der Videokunst, gibt derzeit ein Gastspiel im Berner Münster. Im Zeitalter der Reformation verlor das Gotteshaus in einem von der Obrigkeit organisierten Bildersturm eine erhebliche Anzahl seiner sakralen gegenständlichen Kunstwerke. In Gestalt von Violas Figurengruppen wird diese Lücke in gewisser Weise geschlossen - wenn auch nur auf Zeit. Die Initiative zur Kunstausstattung ging hier von Berner Kunstmuseum aus, die Münstergemeinde liess sich auf das Experiment gern ein. Ein Handel, der beiden Seiten nutzen könnte: Violas Kunst bekommt nun nicht nur von Markt oder Museum die Höhere Weihe, sondern zusätzlich noch von der Religion - dreifach genäht hält besser. Und die Kirche kann sich mit Hilfe der Videoinstallationen als weltoffen, modern und kunstsinnig präsentieren. Die fünf Plasmabildschirme sind dezent in die Kirchenarchitektur eingefügt - wenngleich Viola eines seiner Werke in der Zentralachse des Kirchenschiffs im Chor platziert hat, so dass man es schon von weitem sieht. Jener Bildschirm wirkt wie eine Ergänzung des Passions- und des 10.000-Ritter-Fensters, gegen deren farbmächtige Strahlkraft er allerdings ohnehin nicht ankäme. Allen Videos ist gemeinsam, dass Wasser fliesst: Hände werden endlos lang gewaschen, Wasser benetzt Köpfe, Tränen fliessen, eine leblose Gestalt erhebt sich aus einem überlaufenden Becken, ein starker Strahl trifft eine Gruppe, wirft die Menschen gewaltsam zu Boden. Diese „Passionen“ sind Bilder von Ritualen und Verwandlungen. Der Ausdruck der Abgebildeten verweist sowohl auf Leidenschaft und gläubige Inbrunst als auch auf den Leidensweg, die Mühe und den Schmerz. Nichtgläubige hingegen werden hier spirituellen Kitsch erblicken - Viola steht ja schon länger im Verdacht, sich zu einem routinierten Kitschier entwickelt zu haben. Die Kirchenbesucher reagieren überwiegend positiv, nicht alle verstehen allerdings den Sinn der Filme - Versuche einer Schweizer Boulevardzeitung, das Video „Absolution“ wegen blanker Frauenbrüste zu skandalisieren, liefen ins Leere. Fazit: Durch die unaufdringliche Präsentation und die Erzeugung einer kontemplativen Atmosphäre, die von den Slow-Motion-Videos auf den Betrachter übergeht, darf der Dialog zwischen Kunst und Religion im Berner Münster als gelungen betrachtet werden.

Bis: 20.07.2014



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Ausgabe 6  2014
Ausstellungen Bill Viola [12.04.14-20.07.14]
Institutionen Kunstmuseum Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Christian Saehrendt
Künstler/in Bill Viola
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