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Fokus
9.2014


 Im Zürcher Grossmünster ist zeitgenössische Kunst weit davon entfernt, rein illustrative Darstellung des religiösen Worts zu sein. Der Fensterzyklus von Sigmar Polke setzt einen neuen Standard. Zudem werden Künstler eingeladen, in der Krypta ortsspezifische Arbeiten auf Zeit zu realisieren, so in den letzten Jahren Bruno Jakob und Mario Sala.


Kunst in der Kirche - Ein Plädoyer für einen Iconic Turn


  
links: Bruno Jakob · The Touch (Forbidden Pictures), 2013, Installation in der Krypta im Grossmünster Zürich. Foto: Chris Bünter
rechts: Mario Sala · Vika Bröd, 2014, Installation in der Krypta im Grossmünster Zürich. Foto: Lorenz Ehrismann


Während einer Reise durch Indien wurde ich von Rahul Mehrotra, einem der überzeugendsten Architekten, dem ich je begegnet bin, in Coimbatore zu Villen geführt, die er für die Fabrikanten des Lakshmi-Konzerns gebaut hatte. Die Villen waren traumhaft schön. Mich faszinierte ausserdem, dass bei einem der Fabrikanten täglich frühmorgens Priester zu einem Hinduritual eintrafen, während sich der andere einen Tempelelefanten mit seinem Mahout hielt. Für die Priester wie für den Elefanten sind je eigene Pavillons eingerichtet. Ich fragte die beiden Fabrikanten, ob sie religiös seien. Sie verneinten und erklärten, wichtig sei ihnen weniger die Religion als das Ritual der regelmässigen Begegnung mit den Priestern und dem Elefanten, die ihnen gleichermassen vertraut wie unfassbar blieben. Diese Begegnungen seien notwendig, um die Gedanken täglich auf die Grundwerte des Lebens lenken zu können.
Aus ähnlichen Gründen unternehme auch ich meine unregelmässigen Kirchgänge. Gewiss reizt mich mein Interesse als Kunsthistorikerin an Sakralbauten, sofern diese architektonisch und künstlerisch von Bedeutung sind. Aber es liegt mehr dahinter. Sakralbauten als Orte der Liturgie sind erfüllt von der Energie kollektiver Erfahrungen, die auf die Sinne und die Imagination wirken. Wie wichtig sie sind, zeigt die verletzende Wirkkraft, wenn Andersgläubige Sakralbauten des Feindes zerstören, wie eben erst die skandalöse Sprengung des Grabes des Propheten Jona durch die Terrorgruppe ISIS wegen inner-islamistischer religiöser und politischer Konflikte.

Sigmar Polke
Meine Begeisterung war gross, als mir ermöglicht wurde, von 2006 bis 2009 die Ausführung der zwölf Fenster von Sigmar Polke im Grossmünster zu kuratieren. Polkes Zürcher Werk wurde zu seinem letzten überhaupt, zu einem Vermächtnis - und er hinterliess es als ein Geschenk. Der Zyklus setzt einen neuen Massstab für Kunst in der Kirche. Wie hoch dieses Werk bewertet wird, vermittelt Polkes Ausstellung ‹Alibis›, die im Frühling 2014 im New Yorker MoMA begann, im Herbst in der Tate Modern in London und später im Ludwig Museum in Köln zu sehen sein wird. Allein der Dokumentation der Fenster widmet das MoMA einen eigenen Raum.
Den Konventionen spottend bietet Polke in diesen Fenstern eine Fülle von Deutungsmöglichkeiten mit aufklärerischer Wirkung von seltener Raffinesse an. Er scheute sich auch nicht, den Zweifel und die Verwirrung zu thematisieren, vor allem im schwarz-weissen Menschensohnfenster mit den Gesichtsprofilen und den Kelchformen, welche das Auge auf der Suche nach einem fixen Anhaltspunkt unruhig hin und her wandern lassen. In acht Fenstern lässt Polke das Naturmaterial sprechen, er setzte Edelsteine ein, Achat- und Turmalinscheiben, die erstmals in der Glasmalerei grossflächig Eingang fanden.
Der Künstler, ein gewandter Bibelkenner, besprach auf Augenhöhe mit Käthi La Roche, damals Pfarrerin des Grossmünsters, das ikonographische Programm. Schliesslich entschied er sich, mit Blick auf Augusto Giacomettis Chorfenster mit Darstellungen der Geburt Christi, Motive aus dem Alten Testament aufzugreifen: die Thematik der Genesis in den Achatfenstern und jene der Präfigurationen von ­Christus im Propheten- und im Sündenbockfenster. Polke wollte nicht nur Christen ansprechen, sondern auch Juden und Muslime, denn weitgehend teilen die drei monotheistischen Religionen das Alte Testament der Heiligen Schrift. Er interessierte sich für verschiedene Weltanschauungen, die bis weit zurück in die Ideengeschichte reichen, und er studierte auch die Rituale des Buddhismus oder des Sufismus.
In Zürich fand er den Glasmaler Urs Rickenbach von der Firma Glas Mäder, der für seine künstlerischen Einfälle die anspruchsvollsten technischen Umsetzungsmethoden austüftelte. Im Stil und in der Formensprache passte er die Fenster der Architektur und dem historischen Dekor des spätromanischen Baus so gut an, dass man glauben möchte, sie seien seit dem 12. Jahrhundert schon immer da gewesen. Aber für das geneigte Publikum deckte er die Mimesis auch gleich wieder auf.

Inspirationsquelle Kunst
Sowohl Käthi La Roche als auch ihr Nachfolger Pfarrer Martin Rüsch sagen, die Fenster seien eine Inspirationsquelle für ihre Predigten geworden. Dieses kunstaffine Verständnis interpretiere ich folgendermassen: Hier gilt nicht nur Luthers Auffassung, «sola scriptura», die Bibel allein sei wahr und massgebend für den Glauben und die Praktiken der Christen, sondern auch das autonome und authentische Kunstwerk könne zu einer gedanklichen, emotionalen und - nennen wir es ruhig - spirituellen Auseinandersetzung bewegen.
Käthi La Roche hatte bereits vor über zehn Jahren begonnen, gelegentlich Künstler und Künstlerinnen für Interventionen in der Krypta einzuladen. Durch Martin Rüschs Initiative entstand dann seit 2013 ein Programm, demzufolge die Krypta fortan jährlich während eines Monats einer Künstlerpersönlichkeit für eine ortsspezifische Installation zur Verfügung steht. Dabei betont Rüsch, dass das Grossmünster ein Ort des Wortes und auch des Bildes sei, die Banalisierung der Gottesfigur durch eine klischierte und durch Routine geprägte Kirchenkunst aber vermieden werden müsse. Die Arbeitsgruppe ‹Kunst in der Krypta› mit dem Kunsthistoriker Ulrich Gerster, dem Künstler Peter Radelfinger und Martin Rüsch wählt sowohl die Kunstschaffenden wie auch die jeweils für die Projekte verantwortlichen Gastkuratoren oder Kuratorinnen aus. Eine bibliophile Publikation in kleiner Auflage, die nicht im Buchhandel erhältlich ist, begleitet das Ereignis.

Bruno Jakob
Die erste Publikation von und über Bruno Jakob mit dem Titel ‹The Touch (Forbidden Pictures)› erhielt 2013 den Swiss Design Award und ist heute bereits vergriffen. Dass die neue Ausstellungsreihe mit ihm begann, macht Sinn. Ulrich Gerster schreibt in der Publikation: «Und welches Werk würde besser in die Kirche Zwinglis passen?» Und im Pressetext des Kurators Chris Bünter lesen wir: «Jakob experimentiert mit ungewöhnlichen Malmitteln auf Papier, Leinwand oder Stein. An Stelle von Pigmenten benutzt er Dunst und Dampf, aber auch Gerüche und Gehirnwellen...» Der Künstler selbst umschreibt seine Aufgabe für die Krypta des Zürcher Grossmünsters so: «Das Herzstück meiner Arbeit ist es, diese unantastbare Krypta auszumalen [...]. Der Malprozess wird ein gleichzeitiges Sammeln und Loslassen sein. Durch Erfassen von Flüssigkeit mit dem Pinsel in der Hand, lasse ich die Gedanken mein Gehirn passieren, und damit grundiere ich die Wände und die Böden: rot, gelb und blau - unsichtbar.» Nach seiner Malaktion überliess es Bruno Jakob dem Publikum, mit den ausgelegten Werkutensilien die Bilder selbst zu imaginieren.

Mario Sala
In der von Giovanni Carmine kuratierten Installation von Mario Sala war an das Glas des zentralen Kryptafensters ein rundes gelochtes Vika Bröd (Knäckebrot) geheftet. Es bot vielfältige Assoziationsmöglichkeiten: ein Heiligenschein, ein Autorad, ein Auge mit kleiner Pupille, eine Monstranz.
Von der Krone der historischen Sandsteinskulptur Karls des Grossen, die an der gegenüberliegenden Wand steht, bis zum Scheitel des Fensters mit dem Vika Bröd hatte der Künstler eine Schnur mit aufgefädelten zerbrochenen Eierschalen gespannt, die das Tageslicht reflektierten und in den Raum führten - genug Stoff allein in diesem Teil der Installation, um über das Leben, das Geistige und das banal Alltägliche nachzudenken, über Macht und Zerstörung. Sala rückte Karl den Grossen ins Licht, eine zwiespältige Figur, ein gnadenloser Eroberer, legendärer Gründer des Grossmünsters und andrer Kirchen - der letztlich heilig gesprochen wurde.
Kunst richtet sich an eine pluralistische Gesellschaft mit unterschiedlichen oder vielleicht gar gegensätzlichen Weltanschauungen. Verständlich, dass die Unfassbarkeit von Kunstwerken mit komplexen Inhalten bisweilen Misstrauen aufkommen lässt. Viele Leute würden lieber gezähmte und redundant illustrative oder sich harmlos abstrakt manifestierende Artefakte sehen, die aber kaum von künstlerischem Wert sind und unsere Imagination nicht beleben können. Der Qualitätsanspruch des Grossmünsters ermöglicht hingegen einem kunstinteressierten Publikum mit ästhetischer Sensibilität und Phantasie, autonomen und authentischen Kunstwerken gegenüberzustehen. Diese sind aus einem sinnlichen Denken, Wissen, Glauben und Erahnen entstanden und regen zur subjektiven und kritischen Reflexion an und zum Entdecken von bisher Ungedachtem.
Jacqueline Burckhardt ist Kunsthistorikerin, Mitherausgeberin der Kunstzeitschrift Parkett und Direktorin der Sommerakademie im Zentrum Paul Klee. j.burckhardt@parkettart.com



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Ausgabe 9  2014
Institutionen Grossmünster [Zürich/Schweiz]
Künstler/in Mario Sala
Künstler/in Bruno Jakob
Künstler/in Sigmar Polke
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