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Besprechung
9.2014


Dominique von Burg :  Mit fotografischen Selbstinszenierungen hält Cindy Sherman der Welt den Spiegel vor und bleibt selbst dabei ungreifbar. Nun ermöglicht eine gemeinsam mit der Künstlerin konzipierte, thematisch-assoziativ arrangierte Überblicksschau in Oslo, Stockholm und Zürich eine neue Lesung der Fotografien.


Zürich : Cindy Sherman — Untitled Horrors


  
Cindy Sherman · Untitled #216, 1989, Chromogener Farbabzug, 221,3x142,5 cm. Astrup Fearnley Collection, Oslo, Courtesy Metro Pictures, New York


Schon als Teenager ergötzte sich Cindy Sherman (*1954) daran, sich als alte Frau zu verkleiden. Ihre Passion entwickelte sie zur Methode, indem sie begann, unter Verwendung des eigenen Körpers existentiellen Fragen nachzugehen. Die 1977 bis1980 entstandene Fotoserie ‹Untitled Film Stills› brachte den ersten grossen Erfolg. Für die kleinformatigen, mit Selbstauslöser erstellten Schwarzweiss-Aufnahmen hatte sie sich alle möglichen Frauenrollen aus dem Film noir und den B-Movies der Fünfziger- und Sechzigerjahre anverwandelt. Mit den zehn Jahre später entstandenen ‹History Portraits› und der neueren ‹Society-Portrait›-Serie deklinierte Sherman ein gewaltiges Spektrum an kulturell aufgeladenen Weiblichkeitsbildern durch. Mittlerweile hatte sie den Kunstmarkt erobert, war im Hochpreissegment gelandet und wollte mit ‹Disasters›, 1987-91, die Innereien, Blut und Erbrochenes zeigen, testen, «ob die Leute weiter kaufen würden».
Ihr Humor ist schwarz, lebt vom Schrecken und von Machtspielen. Dies bringen besonders die ‹Sex Pictures›, 1992, zur Darstellung; verstörende Fotografien von verstümmelten Gliederpuppen und monströsen Figuren aus künstlichen Gliedern und Prothesen, die in ihrer grotesken Schauerlichkeit ebenso faszinierend wie abstos­send sind. Tabubrüche - hier die Gewalt gegenüber Wehrlosen - sind eine beliebte Strategie in der Kunst, das Publikum emotional zu berühren und an gesellschaftlich relevante Fragen zu rühren. Durch das Werk zieht sich neben der Auseinandersetzung mit der Conditio Humana und der Blossstellung von menschlichen Schwächen eine starke Neigung zum Abgründigen und eine Lust an der Darstellung anstössiger Fantasien.
Sherman liebt Horror-Filme und im Wissen um deren Künstlichkeit hat sie mit ‹Office Killers› auch selbst eine schräge Horror-Komödie gedreht. In diesem Film besteht die eigentliche Entdeckung der Zürcher Ausstellung. Ihre Lust am Schrecken bestätigt Sherman in einem Interview mit Rose-Maria Gropp in der ‹Frankfurter Allgemeinen› vom 11.3.2012: «Manche Leute ... denken, die Arbeiten wären dunkel und dass ich ziemlich verwirrt sein müsste. Nein, ich habe meinen Spass.» Damit deutet sie an, dass sie ein Stück Kindheit - nämlich den dunklen, so schön gruseligen Teil - in ihre Fotografien hinübergerettet hat, deren beunruhigende Wirkung sich daraus ergibt, dass sie viel mehr verbergen als preiszugeben bereit sind.

Bis: 14.09.2014


Katalog im Hatje Cantz Verlag



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Ausgabe 9  2014
Ausstellungen Cindy Sherman [06.06.14-14.09.14]
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Cindy Sherman
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