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Fokus
9.2014


 Die beiden Kuratoren Gianni Jetzer und Chris Sharp bringen die traditionsreiche Schweizer Plastikausstellung in Biel in Bewegung. Statt auf Skulpturen setzen sie auf Performances. Dabei geht es um eine Wiederbelebung der Gemeinschaftlichkeit in einem immer stärker durch wirtschaftliche Interessen und Sicherheitsbestimmungen geprägten Stadtraum.


Schweizer Plastikausstellung - ‹Le Mouvement› erfasst Biel


von: Alice Henkes

  
links: Christian Jankowski · Kunstturnen, 2014, Performance still. Credits: Stefan Meyer
rechts: Rirkrit Tiravanija · Untitled (Remember JK, Universal Futurological, Question Mark U. F. O.), 2012, Digital print, 400x500 cm, Courtesy kurimanzutto, Mexico City. Foto: Estudio Michel Zabé


Kinder turnen oft gern an Kunstobjekten im öffentlichen Raum herum, ohne sich etwas dabei zu denken. Der Berliner Künstler Christian Jankowski möchte auch Erwachsene dazu bewegen, Kunstwerke spielerisch zu benutzen und auf diese Weise neu wahrzunehmen. Gemeinsam mit der Hochschule für Sport in Magglingen hat er einen Sport-Parcours entwickelt, der Turnübungen an 14 Plastiken im öffentlichen Raum Biels vorsieht. Die Übungen präsentiert Jankowski in einem Katalog, der Kunstführer, Turnanleitung und historischer Rückblick auf die traditionsreiche Schweizer Plastikausstellung in einem ist.
Die Stadt, die Kunst, die Besuchenden in Bewegung bringen, das ist nicht nur das Anliegen des Projekts ‹Kunstturnen› von Christian Jankowski. Es ist auch der Kerngedanke der 12. Ausgabe der Schweizer Plastikausstellung in Biel. «Wir wollen uns von der Skulpturenausstellung emanzipieren», sagt Gianni Jetzer. Gemeinsam mit dem US-amerikanischen Kurator Chris Sharp organisiert Jetzer, der seit 2012 für die Art Unlimited Basel verantwortlich ist, die Schweizer Plastikausstellung. 2014 steht das Freiluft-Grossevent unter dem programmatischen Titel ‹Le Mouvement›.

Skulptur neu definiert
Die beiden Kuratoren definieren den Skulpturbegriff neu als bewegte Aktion im Raum, als Performance. Dabei geht es ihnen nicht um Provokation, sondern um ­eine Modernisierung des Begriffs der Kunst im öffentlichen Raum. 1954 wurde die Schweizerische Plastikausstellung gegründet mit dem Wunsch, das Wirken von Kunst im öffentlichen Raum auszuloten. Seither hat sich nicht nur die Kunst gründlich verändert, auch der öffentliche Raum und seine Nutzung haben sich gewandelt. Passanten, die mit Kopfhörern gegen die Aussenwelt verstöpselt sind und stur auf ihre Handys starren, waren in den Fünfzigerjahren noch unbekannt. Zugleich wird der öffentliche Raum immer stärker durch wirtschaftliche Interessen und Sicherheitsbestimmungen reguliert. Dennoch glaubt Jetzer: «Der öffentliche Raum hat ein gros­ses Potential, die Gemeinschaftlichkeit.» Und das möchte ‹Le Mouvement› fördern, anreizen, hervorlocken. Die Plastikausstellung will Gestalt und Nutzung des öffentlichen Raums hinterfragen und dazu anregen, ihn neu in Besitz zu nehmen.
Performative Arbeiten sind für Jetzer und Sharp das probate Mittel, um diese Neu-Inbesitznahme zu markieren. «Perfomance ist Mode». stellt Jetzer fest und ergänzt, «vielleicht, weil sie in Zeiten medialer Vernetztheit direkte Erlebnisse von Mensch zu Mensch ermöglicht.» Um diese unmittelbaren Erlebnisse geht es den Kuratoren, die mit ihrer performativen Plastikausstellung testen wollen: «Wieviel Leben steckt noch in der Öffentlichkeit?».
Um diese Fragen zu ergründen, haben Jetzer und Sharp nun ein dreistufiges Bewegungsprogramm auf die Beine gestellt. ‹Mouvement I›, das im Juli begonnen hat, basiert auf performativen Auseinandersetzungen mit der Geschichte der Plastikausstellung und auf Kunstwerken, welche die Stadt Biel im Rahmen dieser Ausstellungen angekauft und im öffentlichen Raum platziert hat. Dazu gehört die bereits genannte Aktion ‹Kunstturnen› von Christian Jankowski, die einlädt, sich die Kunst im Stadtraum lustvoll und ohne falsche Ehrfurcht anzueignen.
Der Wiener Künstler Marko Lulić, der Denkmäler in getanzter Form choreographiert, hat einen ‹Vorschlag für ein Arbeiterdenkmal in Biel› geschaffen. Tänzer/innen in bunten T-Shirts bewegen sich um Franz Eggenschwilers ‹Farbige Baumruine›, die 1975 für die Plastikausstellung entstand. Lulić versucht in seiner stark vom Tanztheater inspirierten Performance nicht, typische Arbeitsbewegungen zu kopieren, sondern schafft synchrone Abläufe, um einen Eindruck von Geschäftigkeit zu erzeugen.

Grosslabor Fussgängerzone
Kern des Programms ist ‹Mouvement II›, das in der letzten Augustwoche die Bieler Innenstadt in eine Art Grosslabor verwandelt. Hier soll getestet werden, wie Kunst im öffentlichen Raum heute funktioniert. Nationale und internationale Performancekünstler/innen sorgen dafür - so hofft Jetzer -, «dass Biel eine Woche lang völlig anders funktioniert». Dabei geht es nicht um Provokationen und Spektakel. Die beiden Kuratoren denken den Skulpturbegriff stark vom Körper aus und sehen in der Performance vor allem den bewegten Körper. Sie haben Performances ausgesucht, die mit der Skulptur vergleichbar sind. «Wir wollen keine Kostüme, keine Erzählungen, keine Bühnensituationen.» Die Bewegung soll den Alltag durchdringen und sich dabei wie selbstverständlich in den Stadtraum einordnen. Kunst soll zum Normalfall werden.
Die Berührung von Kunst und Alltag, Öffentlichem und Privatem ist auch in den Performances selbst Thema. Pablo Bronstein lässt einen Tänzer auf einem Balkon am Zentralplatz tanzen. Durch die Ortswahl hinterfragt Bronsteins Projekt, wo die Privatsphäre endet und wo der öffentliche Raum beginnt. Auf eine sehr zurückhaltende Form der Irritation setzt Jérôme Leuba. Der Genfer hat eine Performance entwickelt, in der drei Frauen und drei Männer wortlos auf dem Gehsteig stehen und ins Leere starren. Mit dieser reduzierten Aktion verhandelt Leuba Fragen von Wahrnehmung, Sichtbarkeit und Verwirrung. Der in Zürich lebende San Keller wird versuchen, sich von der Polizei verhaften zu lassen, ohne direkte Gesetzeswidrigkeiten zu begehen.
Die Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum ist auch eine Auseinandersetzung mit dem Alltagsleben und gesellschaftlichen Grundwerten. So lässt Trisha Brown, eine der grossen Pionierinnen des postmodernen Tanzes, eine Gruppe von Tänzern durch die Fussgängerzone Nidaugasse gehen. Schulter an Schulter bilden die Tänzer eine Phalanx, die sich in kaum wahrnehmbarer Abweichung von einer Geraden vorwärts bewegt und dabei auf subtile Art den reibungslosen Verkehrsfluss irritiert. Gleichzeitig erzeugt die Gruppe eine sanfte Störung des normalen Shoppingverhaltens, dem im Leben vieler Zeitgenoss/innen ein enormer Stellenwert zukommt. Die Schweizer Künstler Jörg Köppl und Peter Začek werden die Performance ‹Drei Kreise› realisieren: Jeder Kreis repräsentiert eine Menschengruppe (Kunstschaffende, Prostituierte, Asylbewerber/innen), die innerhalb der 72-stündigen Performance unablässig von einer Stelle zur anderen weitergereicht werden. Dahinter steht der Gedanke: «Was uns im Kreise gehen lässt, sind nicht so sehr die Vorschriften und Verbote, sondern die wirtschaftlichen Bedingungen.»
Wie politisch Kunst im öffentlichen Raum ist, wie sehr sie in den Alltag eingreifen und diesen hinterfragen kann, zeigt auch ‹Mouvement III›, das Ende August im Centre Pasquart eröffnet. Die Ausstellung dokumentiert Performances von den Sechzigerjahren bis in die Gegenwart und fokussiert vor allem die Wechselwirkungen zwischen Kunst und Politik - wie beeinflusst die Politik die Kunst im öffentlichen Raum und wie nimmt Kunst in öffentlichen Räumen Einfluss auf das politische Bewusstsein?
Alice Henkes (*1967, Hannover), Kunstkritikerin und Kuratorin, lebt in Biel. alice.henkes@bluewin.ch

Bis: 02.11.2014


Chris Sharp (*1974, USA) lebt und arbeitet als freier Kurator in Mexico City und Berlin
2010 ‹Under Destruction› gemeinsam mit Gianni Jetzer, Museum Tinguely u.a.
Als freier Redaktor u.a. tätig für Kaleidoscope Magazine und Art Review

Gianni Jetzer (*1969, Zürich) lebt in New York
1998-2001 Kurator am Migros Museum Zürich
2001-2006 Direktor der Kunsthalle St.Gallen
2006-2013 Leiter des Swiss Institute New York
2013/2014 Kurator Art Unlimited Basel



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Ausgabe 9  2014
Ausstellungen Biennale de l'Image en Mouvement 2014 [18.09.14-23.11.14]
Institutionen Centre d'Art Contemporain [Genève/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
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