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Ansichten
9.2014


 Der Ecce-Homo von Cecilia Giménez erinnert kaum an einen ­Jesus mit Dornenkrone, sondern eher an eine aufgeplatzte Rosskastanie mit Augen. Doch das scheinbar neosurrealistische Amateurwerk gewinnt an Tiefe, sobald man etwas mehr über seine Entstehungsgeschichte weiss.


Ansichten - Ecce-Homo!


  
Cecilia Giménez · Ecce-Homo, 2012, Santuario de Misericordia, Borja


Der besagte Ecce-Homo war eigentlich ein Fresko von Elías García Martínez, 1930 auf einen Pfeiler der Santuario de Misericordia im spanischen Borja gemalt. 2012 machte sich die 80-jährige Giménez an dessen Restauration; ob dem Resultat war der Heimatverein ebenso entsetzt wie die Enkelin von Martínez, zumal sich der ursprüngliche Zustand nicht wiederherstellen liess. Immerhin wurde Giménez zum Medienstar und die Kirche zur beliebten Touristenattraktion. Die Geschichte ist vielleicht weniger wegen des Bildes als solchem bemerkenswert, sondern weil sie exemplarisch vorführt, wie wichtig Hintergrundwissen und zusätzliche Informationen für die Kunstrezeption sind. Hätten betrunkene Jugendliche das Fresko übermalt, hätte es die Story kaum je über die Lokalpresse hinaus geschafft. Giménez wollte jedoch weder etwas zerstören noch Gotteslästerung begehen; ihre Absichten waren ehrenvoll, aufrichtig und wahrhaftig - und damit alles andere als selbstverständlich. Auch im zeitgenössischen Kunstsystem sind Authentizität und Wahrhaftigkeit prekär geworden, gleichzeitig hat der Glaubwürdigkeitsverlust des offiziellen Kunstdiskurses diese Kategorien mitnichten eliminiert, sondern als Mangelware umso kostbarer gemacht. Bei Giménez ist die Aufrichtigkeit zudem mit dem Moment des Scheiterns verbunden. Dieses wiederum gilt in einer perfektionierten Welt als sympathisch und wird als Bedingung der Möglichkeit von Innovation und Kreativität geschätzt; grosse Würfe verdanken sich häufig einem Zustand, in dem Scheitern ausdrücklich erlaubt, ja willkommen ist. Die zeitgenössische Kunst hat dies seit Längerem erkannt und teilweise zum erklärten Inhalt gemacht. Bei Cecilia Giménez ist das Scheitern weder Pose noch Inhalt, sondern absolut echt; und ihr Gemälde ist deshalb eine der denkbar eindrücklichsten visuellen Metaphern für den hehren Anspruch, das vergebliche Abmühen und schlussendliche Zerbrechen daran.
Aus Sicht der Kunst ist Giménez in seiner mannigfaltigen inhaltlichen Dimension ein absoluter Geniestreich geglückt. Ihr Werk berührt grundsätzliche Fragen zur Kunst; sowohl den Umgang mit unserem kulturellen Erbe, als auch die Problematik des Verhältnisses von rezipiertem Kunstwerk und künstlerischer Intention. In vollkommener Wahrhaftigkeit versinnbildlicht ihr Ecce-Homo den guten Willen und zugleich die Magie des Scheiterns. Dass es sich dabei um ein Kunstwerk wider Willen handelt, geht ebenso in Ordnung wie die Tatsache, dass es ihr einziges bleiben wird.
Oliver Kielmayer (*1970, lebt und arbeitet in Zürich) ist Kurator der Kunsthalle Winterthur, Initiant des Künstlernetzwerkes WeAreTheArtists und Dozent für Kunstgeschichte an der F+F Schule in Zürich.



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Ausgabe 9  2014
Autor/in Oliver Kielmayer
Künstler/in Cecilia Giménez
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