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Besprechung
9.2014


Pablo Müller :  Nicht nur die Kunstgeschichte hat das Interieur jüngst ­wiederentdeckt. Auch im Kunstbetrieb wird vermehrt über das Eigenleben der materiellen Welt diskutiert. Die Ausstellung im Museum Langmatt ist ein gelungener kuratorischer Beitrag zu dieser aktuellen Debatte.


Baden : Salon Distingué - Lebendiger Hausrat


  
Kathrin Sonntag · Blame it on Morandi, 2011, Diaprojektion (27 Motive im Loop) mit Soundtrack, Courtesy Galerie Kamm, Berlin. Foto: David Willen


Eine sattgrüne Wiese umgibt das Museum Langmatt. Skulpturen und mit Blumen bestückte Töpfe säumen die Kieswege. Eine kleine französische Gartenanlage mit Springbrunnen lädt zum Verweilen ein. Auch das Innere der ehemaligen Villa, die heute das Wohnmuseum beherbergt, zeugt vom früheren grossbürgerlichen Glanz. So ist das Schöne und Wertvolle der ehemaligen Bewohner/innen, der Industriellenfamilie Brown, in Szene gesetzt. Neben Kostbarkeiten, erlesenen Möbelstücken, allerlei Silbergeschirr, Porzellan bildet die im repräsentativen Salon gezeigte Sammlung impressionistischer Meister das Herzstück des Museums. Die Gastkuratorin Nadia Schneider Willen nutzt das voll möblierte Haus als Kontext und thematischen Gegenstand ihrer Gruppenausstellung. Nicht nur versammelt die Schau mit Skulpturen aus alten Lampenschirmen von Diango Hernández (*1969) und verkeilt-geschwungenen Tischbeinen von Markus Schinwald (*1973) aus ausrangiertem Hausrat hergestellte Kunstwerke. Auch wird mit einem zu einer übergrossen Skulptur mutierten Rahmen und unter die Einrichtung gemischtem Raumteiler von Markus Müller (*1970) die Frage nach Präsentation und Repräsentation gestellt.
Oft bleibt in dieser Ausstellung die Trennung von Kunst und Alltagsobjekt bewusst unscharf. So braucht es ein aufmerksames Auge, um die liebevoll in eine gestrickte Hülle gepackten Kassenrollen von Haegue Yang (*1971) in einer mit reicher Auslage gefüllten Vitrine zu entdecken. Und die in einem Lesezimmer präsentierte Diaprojektion von Kathrin Sonntag (*1981) zeichnet sich durch ein reges Verweisspiel von Projektion und den im Zimmer versammelten Artefakten aus. Zuweilen entwickeln die Dinge in den präsentierten Kunstwerken ein Eigenleben. So werden im Video ‹Drama Queens›, 2007, von Michael Elmgreen (*1969) und Ingar Dragset (*1969) ikonische Skulpturen wie Giacomettis ‹Homme qui marche› und Jeff Koons' ‹Rabbit› zu Protagonisten und erzählen von ihren Alltagsnöten und Unzulänglichkeiten. Auch die verkeilten Tischbeine von Markus Schinwald wirken verlebendigt und in ihrer Verschränkung sexuell aufgeladen. So spiegeln die gezeigten Kunstwerke ihre Geschichten in die verlassenen Wohnräume zurück und für einen Sommer lang wird die für tot gehaltene Einrichtung zu neuem Leben erweckt.

Bis: 30.11.2014



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Ausgabe 9  2014
Ausstellungen Salon distingué - Hausrat in guter Gesellschaft [04.05.14-30.11.14]
Video Video
Institutionen Museum Langmatt [Baden/Schweiz]
Autor/in Pablo Müller
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