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Besprechung
9.2014


Yvonne Ziegler :  Die menschliche Figur als Sujet der Kunst hat nichts an Aktualität eingebüsst. Faszinierende Werke des amerikanischen Bildhauers Charles Ray vergegenwärtigen zentrale plastische Fragen und Dimensionen des Figürlichen in einer Doppelausstellung im Kunstmuseum und Museum für Gegenwartskunst Basel.


Basel : Charles Ray - Figuren, die Geschichten erzählen


  
links: Charles Ray · The New Beetle, 2006 , Edelstahl, bemalt, 53x88x72 cm, Ed. 1/3 + AP
rechts: Charles Ray · Sleeping Woman, 2012, Massiver Edelstahl, 90x113x127 cm, Ed. 1/2 + AP, beide Aufnahmen: Courtesy Glenstone Foundation und Matthew Marks Gallery. Foto: Joshua White


Es sind nur wenige Plastiken von Charles Ray (*1953, Chicago) in Basel anzutreffen. Fast jede besitzt ihren eigenen Raum, schafft einen Ort der Begegnung, in der ihre zumeist jahrelange Entstehung spürbar ist. Rays Werke «sprechen» gleichsam, von Vergangenem und Gegenwärtigem. Da ist zunächst die Form und Grösse der Figur selbst, sodann ihre Materialität (Aluminium, Fiberglas, Eisen), ihre Farbe und Oberflächenbeschaffenheit und schliesslich ihr Tun.
Ein weiss lasierter Junge sitzt am Boden und spielt mit einem VW-Käfer. Er ist nackt, seine Arme und Beine so angeordnet, dass sie von oben betrachtet wie Windmühlenflügel aussehen. Die Drehung der Figur deutet die potentielle Bewegung des stillstehenden Spielzeugautos an. Die erstarrte Pose des Knaben intensiviert den Eindruck seiner Vertiefung ins Spiel. Die stilisierte Form und das schlichte Weiss verleihen der Figur eine zeitlose Anmutung, sie erinnert an eine Marmorskulptur, wenngleich sie aus zeitgenössischem Material geschaffen ist und offensichtlich mit einem Auto spielt. Durch feine Verschiebungen gelingt hier Ray eine Aktualisierung des Figürlichen. So auch in der aus unbemaltem Eisen gegossenen Nachbildung einer schlafenden Afroamerikanerin. Die Füsse am Boden, den Körper nach links gedreht, liegt sie auf einer Bank, den Kopf auf ihre Tasche gebettet. Niemand kann die Tiefe dieses Schlafes stören, niemand die förmlich fliessende Hingabe dieses Körpers unterbrechen. Ihr gegenüber schläft ein Mann rücklings auf einer Liege. Bei ihm, ‹Mime›, 2014, wirkt alles leicht: Das helle Aluminium glänzt flackernd. Der schmale Mann hat sich wohl nur für ein leichtes, erquickliches Nickerchen ausgestreckt, aus dem er jeden Moment aufspringen kann. Dem Schausteller ist auch zuzumuten, dass er die Pose lediglich imitiert, den Schlaf vortäuscht und so sein Metier als Mime auslebt.
Ray arbeitet vom Persönlichen ins Allgemeine. Ein Relief zeigt, wie er seiner Frau einen Blumenstrauss überreicht. Das Bild ist trotz starker Schematisierung identifizierbar, jedoch weniger überzeugend als seine Plastiken. Oder er lässt das vergrös­serte Bein eines Spielzeughelden in massivem Aluminium ohne Fassung als Fragment wirken. Jede Figur erzählt eine andere Geschichte, stellt andere Fragen, führt zu anderen Vergleichen mit kunstgeschichtlichen Formen. Nichts ist Zufall. Die Plastiken sind sehr stark, gerne hätte man sie alle an einem Ort gesehen.

Bis: 28.09.2014



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Ausgabe 9  2014
Ausstellungen Charles Ray: Skulpturen 1997-2014 [14.06.14-28.09.14]
Institutionen Kunstmuseum Basel/Hauptbau/Neubau [Basel/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
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