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Besprechung
9.2014


Yvonne Ziegler :  Im Solitudepark neben dem Museum Tinguely geschieht ­Ungewöhnliches. Eine «gefällte» Strassenlaterne brennt, aus Absperrgittern geschaffene ‹Hirsche› tummeln sich um den Brunnen und eine ‹Public Juke Box›, 2014, lässt einen Klangmix von Schwitters Ursonate bis zu Pop und Klassik erklingen.


Basel : Krištof Kintera - Überfluss und Überdruss


  
Krištof Kintera · A Prayer for Loss of Arrogance, 2013, Mixed media, 175x60x70 cm


Künstlerische Eingriffe können äusserst hilfreich sein, festgefahrene Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen. In Krištof Kinteras (*1973, Prag) spannender Einzelausstellung im Museum Tinguely fängt dies bei der Eingangssituation an. Der übliche Zugang ist gesperrt, stattdessen wurde der Notausgang auf der anderen Seite des Gebäudes zum neuen Entree gekürt. Hier betritt man zunächst ein Geschäft, in dem es billige Kleider und allerlei Tand zu kaufen gibt. Kleine sprechende Figuren, ‹Talkmen›, 1999-2003, deuten darauf hin, dass man doch schon im Museum gelandet ist, und wenn man etwas genauer sucht, entdeckt man merkwürdige, in Vitrinen ausgestellte Haushaltsgeräte, ‹Appliances›, 1997-98, die nicht zu gebrauchen und somit kunstverdächtig sind. Erst im Anschluss an diese Shopping-Kunst-Zone öffnet sich der vertraute Ausstellungsraum mit einzelnen Figuren und Installationen.
In ihrem humorvoll absurden Geist, gepaart mit einer Spur von Düsterkeit, passen die Objekte gut in Tinguelys Reich. So begegnen wir beispielsweise übermannshohen filigranen ‹Nervous Trees› mit Globus-Köpfen, die ab und an zittern. Oder ein ausgestopfter Fuchs reckt sich in die Höhe, dessen Kopf- und Halspartie mit reflektierenden grünen Kugeln besetzt sind: ‹A Prayer for Loss of Arrogance›, 2013. Tiere, Figuren und Objekte dienen Kintera als Stellvertreter menschlicher Mängel und Schwächen. Ein charmanter kleiner Rabe krächzt von oben Krisenwarnungen und Hiobsbotschaften herab. Und im dunklen Eck bei der Treppe lauert eine Ausgeburt dunkler Gedanken: ‹All my bad thoughts› - ein unförmiger brauner Körper aus Polyurethan, hergestellt aus Erdöl, das durch den Zerfall organischer Materie entstand.
Mit düsteren Themen geht es im Keller weiter, wo eine Teufelsfigur zu Radionachrichten die Trommel schlägt, oder die Figur eines Jugendlichen den Kopf gegen die Wand schlägt. Was kann ‹Revolution›, 2005, ausrichten? Kämpfen wir im Alltag nicht alle gegen Wände? Der humorvolle erste Eindruck trügt, denn nimmt man die Objekte genauer unter die Lupe, so wird Überdruss, Bosheit, Einsamkeit und Leid fühlbar.
Und wo steckt der Künstler? Zu gerne hätte man ihn mit dem wunderbaren glanzpolierten Plastikobjekt ‹It›, das er 1996 wie einen Hund mit sich spazieren führte, in der Strassenbahn beobachtet. Dies kann man zum Glück im amüsanten Katalog tun, der aus einem Schuhkarton mit losen Einzelseiten besteht. Jeden Tag kann so eine andere Abbildung herausgenommen und aufgestellt werden.

Bis: 28.09.2014



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Ausgabe 9  2014
Ausstellungen Kristof Kintera [11.06.14-28.09.14]
Video Video
Institutionen Museum Tinguely [Basel/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Kristof Kintera
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