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9.2014




Der Stachel des Skorpions


von: Grit Weber

  
Julian Rosefeldt · Der Stachel des Skorpions, 2014, 5. Episode, Filmstills ©ProLitteris


Louis Buñuel produzierte 1930 den Film ‹L'age d'or› und machte mit diesem surrealistischen Meisterwerk den Film zu einem ebenso ernst zu nehmenden wie auch gefährlichen Medium der Kunst. Denn bereits nach der ersten Aufführung wurde das Werk verboten. Seine scharfe Kritik am verkommenen Klerus und der verlogenen Doppelmoral des Spiessbürgers galt damals als unverzeihlicher Tabubruch. Mit seinen sechs, bis heute sonderbaren Episoden beinhaltete der Film genügend Zündstoff, um das internationale Verbot nahezu fünfzig Jahre aufrechtzuerhalten. Und wie so oft, wenn ein Werk für die einen Provokation ist, bedeutet es für andere Anregung und Massstab für weitere künstlerische Arbeiten. Nicht zuletzt deshalb beauftragte die Mathildenhöhe Darmstadt das Münchener Künstlerduo M+M eine Reminiszenz zu Buñuels ‹L'age d'or› zu produzieren. M+M setzte auf Aufgabenverteilung und beauftragte wiederum Keren Cytter, Chicks on Speed, Tobias Zielony, John Bock und Julian Rosefeldt sich mit jeweils einer der Episoden des grossen Vorbilds auseinanderzusetzen und ein zeitgenössisches Filmwerk zu schaffen, das an Buñuels Filmerzählung anknüpft. Heraus gekommen sind sechs sehr unterschiedliche Episoden, die in jeweils separaten Kino-Pavillons im Platanenhain der Mathildenhöhe präsentiert werden und somit als sechs getrennt voneinander wahrnehmbare Werke nebeneinander stehen: Tobias Zielony widmet sich ganz der Erforschung des Skorpions: junge Frauen (Musliminnen mit weissen Kopftüchern?) experimentieren mit dem gefährlichen Tier: Kontrolle und Neugier werden zur Triebkraft des Wissens. Chicks on Speed haben ein Wüstenstück fabriziert, in dem sie sich auf Buñuels Räuber-Szene beziehen. Ihre Räuber allerdings sind Frauen: Schrill gekleidet sollen sie zu Buñuels abgezehrten Räubern ein Pendant abgeben, doch wirkt die Antwort auf Buñuels Underdogs trotz aller Buntheit eher fade. M+M schuf Sequenzen aus somnambulen Szenen, in denen zunächst ein Liebespaar von einer Meute auseinandergerissen wird, um danach durch eine leere, dunkle Stadt geführt zu werden, in der ihre Schritte widerhallen. Keren Cytter hat ihre Episode als Liebesmonolog in einen Western-Saloon verlegt, in dem am Ende natürlich wild geschossen wird. Julian Rosefeldt hat das emotionalste und hinreissendste Filmstück geschaffen. Es spielt in einem Nachtklub und sexuelle Ausschweifungen werden mit einem grandiosen Kameraschwenk mit dem wehmütigen Kindheitstraum des Protagonisten verbunden. Und schliesslich inszeniert John Bock in gewohnter Requisiten-Verliebtheit die Blendung eines amoralischen Geistlichen und die Kastrationswut einer Prostituierten, die dem ganzen Reigen aus Liebe, Sex und Entzügelung ein Ende setzt.


mit Katalog



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Ausgabe 9  2014
Ausstellungen Der Stachel des Skorpions [22.06.14-05.10.14]
Institutionen Institut Mathildenhöhe [Darmstadt/Deutschland]
Autor/in Grit Weber
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