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9.2014




Simon Denny


von: Verena Kuni

  
Simon Denny · New Management, 2014, Portikus Frankfurt 2014. Foto: Helena Schlichting


Beim Betreten des Raums bläst uns frischer Wind ins Gesicht. Begrüsst werden wir von zwei Klimaanlagen der Marke Samsung, die vis-a-vis des Eingangs in eine Glaswand eingelassen sind. Sie geben in mehrfacher Hinsicht die Perspektive vor. Geschmückt sind sie mit markigen Parolen, die aus eben jenem Manifest stammen, dem die Ausstellung gewidmet ist: «The New Management». 1993 verkündete Lee Kun-hee als leitender CEO des südkoreanischen Technologie-Herstellers Samsung im Frankfurter Kempinski Hotel Gravenbruch den eigens eingeflogenen Führungskräften der Firma, dass alles anders werden muss: «Change everything except your spouse and kids». Samsung, seinerzeit bestenfalls mittlere Liga und aufgrund der asiatischen Wirtschaftskrise angeschlagen, sollte sich zum global erfolgreich agierenden Konzern mausern. Gute zwanzig Jahre später scheint diese Strategie aufgegangen zu sein: Samsung gehört zu den weltweit erfolgreichsten Unternehmen, mit seinen Mobiltelefonen hat es zuletzt sogar Apple die Führung streitig gemacht.
Auf den ersten Blick könnte man meinen, der neuseeländische Künstler und Städelschul-Absolvent Simon Denny (*1982) habe im Portikus eine Hommage an diese grandiose Aufstiegsgeschichte zusammengetragen. Auf grossen Tafeln, die ringsum die Wände schmücken, wird sie nacherzählt, während Lees Aufruf zur Veränderung wortwörtlich im Zentrum der Schau steht: Ein installatives Re-Enactment, das den Konferenztisch aus dem Kempinski mitsamt Venedig-Vedute im Hintergrund und Blumenbukett auf der Tischdecke präsentiert. Der Stuhl, auf dem wir den CEO imaginieren, ist mit einem Fotodruck überzogen, der die Verkündigungsszene der ‹Frankfurt Declaration› zeigt.
Genau hier beginnt das Bild zu kippen: Das schiere Übermass an Glanz, Glätte und Künstlichkeit wendet sowohl die visuelle wie auch die verbale Rhetorik des «New Management» gegen sich selbst. Indem Denny das ästhetische Vokabular aufnimmt, verstärkt und in sich spiegelt, führt er es als Teil einer gigantischen Phrasendreschmaschine vor: Sie läuft wie geschmiert und funktioniert, so lange alle nur fest an sie glauben. Gerade deshalb ist sie jedoch jederzeit in Gefahr, zu überdrehen oder von ihresgleichen überrundet zu werden.
Kaum ein paar Monate, nachdem Samsung 2013 zur Jubiläumsfeier der erfolgreichen Wende seine Manager mit satten Boni beglückte und Lee antrat, die nächste Erneuerung des «New Management» auszurufen, sackten Samsungs Gewinnmargen ab. Ganz so einfach ist es eben nicht. Auch das sonore Surren der Klimaanlagen erinnert uns daran: Es ist kein frischer Wind, der uns da entgegenbläst. Sondern eben jene Luft, die wir schon die ganze Zeit atmen. Möglich, dass sie uns doch irgendwann schal werden wird.


‹Simon Denny. New Management›, Mousse Publications, 2014



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Ausgabe 9  2014
Ausstellungen Simon Denny [12.07.14-07.09.14]
Institutionen Portikus [Frankfurt/M/Deutschland]
Autor/in Verena Kuni
Künstler/in Simon Denny
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