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9.2014




‹Rodin: L'accident, l'aléatoire›


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Auguste Rodin · Kauernde Frau, genannt Tragische Muse, 1890 (Modell), 1896 (Guss), Bronze, 78x117x125 cm, Musée d'art et d'histoire, Genève. Foto: Peter Schälchli
rechts: Bertrand Lavier · Giulietta, 1998, verunfallter Personenwagen, 166x420x142 cm, Musée d'art Moderne et Contemporain de Strasbourg ©Pro Litteris. Foto: N. Fussler


Mit prominenter Schützenhilfe schwingt sich das Musée d'art et d'histoire endlich auch wieder einmal über das Mittelmass hinaus, wenigstens mit der Hauptausstellung ‹Rodin: Unfall, Zufall›. So wurde die Rodinkennerin Antoinette Le Normand - nach einer brillanten Museumskarriere heute Leiterin des Institut national de l'histoire de l'art - gebeten, ausgehend von den Rodinskulpturen in der Sammlung eine innovative Rodinschau zu entwickeln. Parallel erhielt die Szenografin Nathalie Crinière - seit ihrem Design für die Schau der Sammlung YSL im Grand Palais der Shootingstar dieser Szene - den Auftrag, einen Rahmen dafür zu entwerfen.
Le Normand setzt bei der Debatte an, welche die drei Skulpturen entfachten, als Rodin sie 1896 dem Musée Rath schenkte. Vor allem die dem ‹Monument für Victor Hugo› entnommene sogenannte ‹Tragische Muse›, 1890, wies nämlich nicht nur Modellierspuren auf, sondern auch Dellen, Flickspuren und Risse. Schön führt nun die Kuratorin vor allem mit Leihgaben aus dem Musée Rodin vor Augen, wie der Künstler in bislang ungekanntem Masse alle Ereignisse, wie sie insbesondere bei der Kreation von Plastiken auftauchen können, in die fertigen Werke einzuschliessen bereit war, ja sich selbst vergleichbaren Spuren im Aquarell und in der Fotografie öffnete. Dies verlieh seinem Werk ein besonderes Pathos, an das sich das damalige Publikum erst gewöhnen musste. Die Szenografin ihrerseits hat das Piano Nobile des Musée d'art et d'histoire über dem Nordeck entrümpelt, um an das für Skulpturen geeignete Seitenlicht zu kommen, hat es sich aber nicht verkneifen können, den für die Schau eigentlich perfekt zeitgenössischen Dekor der Wände und der Böden gleich wieder mit einer wilden, die Ausstrahlung der Kunstwerke untergrabenden Sockel-, Kasten- und Tafellandschaft in lärmigen Farben zuzuballern. Ganz aus dem Ruder läuft die Schau indes bei der riesigen ‹Compression›, 1977, von César und der ‹Giulietta›, 1993, von Bertrand Lavier, womit die Chefkonservatorin des Musée d'art et d'histoire, Laurence Madeline, zum Schluss noch einen Bezug zur Gegenwart versucht, was nicht wirklich gelang. Im erklärenden Essay im Katalog werden Rodins doch ausgesprochen kunstinhärente Vorstösse zuerst im Lichte der ersten Unfälle von Dampfern, Zügen und Bussen ausgelegt, wovon es über die maschinenpotenzierten Kriegsschrecken 1914-1918 und 1939-1945 zu der fatalistischen Autokultur der folgenden Dekaden weitergeht, um endlich bei diesen beiden Readymades aus letzterem Universum anzukommen.



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Ausgabe 9  2014
Ausstellungen Rodin. Zufall. Willkür [20.06.14-28.09.14]
Institutionen Musée d'Art et d'Histoire Genève [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
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