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Hinweis
9.2014




Su-Mei Tse


von: Claudia Jolles

  
links: Su-Mei Tse · Vertigen de la Vida - in Kooperation mit Jean-Lou Majerus, 2011-2013, bewegte Skulptur mit Ton, Messing, Glas, Motor, 95x75x74 cm; 121x50x50 cm. Foto: Mancia-Bodmer, FBM Studio
rechts: Su-Mei Tse · Le coup sellé, 2014, Holz Gobab-Spieltisch, Marmorstein, Seidenfaden, Weisser Sockel, Textil, 250x250 cm. Foto: FBM Studio


Leise Musik erklingt im alten Gemäuer. Melancholisch, fremd und doch irgendwie vertraut. Folgen wir dem feinen Wummern, so finden wir uns mitten in einem ehemaligen Stall wieder, direkt vor einem kleinen Karussell. Blinkend und schwankend dreht es auf einem weissen Sockel mechanisch seine Runden.
Wie war das noch, als wir selbst, auf einem bunten Tier, im Kreis herumwirbelten? Auch wenn wir dies längst vergessen haben, zaubert uns das monoton kreisende, goldglänzende Messingobjekt mit den rhythmisch aufleuchtenden Lämpchen sofort Bilder aus fernen Tagen vor die Augen. Das Karussell von Su-Mei Tse (*1973) ist eine sorgfältig komponierte Zeitmaschine. Ein präzises Bild, evokativ und fesselnd. Während der spiegelnde Drehkranz das Grün des Gartens nebenan und Fragmente der Umgebung aufblitzen lässt, entwickelt das Objekt einen hypnotischen Sog. Wir beginnen über Erlebtes und Verpasstes zu sinnieren und kulturellen Reminiszenzen nachzuspüren - einer Filmsequenz von Man Ray bspw. oder Rilkes unvergesslichem Gedicht.
Su-Mei Tse, Tochter eines chinesischen Violinisten und einer englischen Pianistin, ist ausgebildete Cellistin. Sie spielt in ihren Filmen, Fotografien und Installationen immer wieder mit der suggestiven Kraft der Musik und deren Kehrseite, dem gnadenlosen Drill, ohne den im klassischen Bereich keine formale Kraft zu erringen ist. Dieser Zwang zur Form findet sich auch in ihren Aufnahmen von Bonsaibäumchen mit zurechtgestutzten Wurzeln. Oder in den in Bronze gegossenen Bäumen, deren ausgegrabenes Wurzelwerk, transportfertig gerüstet, in zusammengeschnürten Erdballen steckt.
Künstlerische Herausforderung und Überforderung sind ein stetes Thema der in einem mehrsprachigen Haushalt aufgewachsenen Luxemburgerin. Dies führt ein Häufchen getrockneten Tintenstaubs vor Augen, ein sprechendes Bild für die vergeblichen Versuche, feine kulturelle Nuancen ‹D'une langue à l'autre› in Worte zu fassen. Oder, wie es die Künstlerin formuliert: «Ich möchte dieses kleine Etwas visualisieren, das eine Sprache und ihre Verbindung mit ihrer Kultur charakterisiert.» Dennoch, Schwieriges kann auch gelingen: So lässt Su-Mei Tse in ‹Le coup scellé› eine weiss schimmernde Marmorlinse - ein Stein aus einem japanische Go-Spiel - knapp über einem niedrigen traditionellen Spieltisch an Seidenfäden in der Luft schweben: als Bild für eine kreative Pause zwischen zwei Zügen, für ein Atemholen, einen Moment des Fokussierens und Nachdenkens. Präziser und suggestiver lässt sich eine Situation des Übergangs, des Dazwischen und des Innehaltens nicht in ein Bild fassen.



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Ausgabe 9  2014
Ausstellungen Martina Klein, Su-Mei Tse [26.07.14-20.09.14]
Institutionen Galerie Tschudi [Zuoz/Schweiz]
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Su-Mei Tse
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