Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Editorial
10.2014




Editorial - Untersuchen und Verarzten


  
Yves Netzhammer · Die Gegenwart sucht ihren Mund in der Spiegelung der Suppe, 2014. Foto: T. Krempke


Der Kopf hat einen Wundverband erhalten. Keinen raffinierten, doch er ist sorgfältig genäht und mit einem Bändel befestigt. Dem spitzen Hut zufolge handelt es sich hier um eine wichtige Persönlichkeit. Das Abbild indes ist lädiert. Die Oberfläche ist durchlöchert, Würmer haben sich in die Tiefe gefressen. Dennoch wurde die Statue sorgfältig konserviert, aufgesockelt und hinter Glas gestellt. Wir befinden uns im Schaudepot des Museum Rietberg Zürich. In raumhohen Vitrinen reihen sich Objekte aus fernen Kulturen, aus vergangenen Zeiten. Das Backenpolster hingegen ist neu, wie auch weitere Wundverbände und andere Merkwürdigkeiten: An langen Nylonfäden vor und hinter den Scheiben baumelnde Pingpongbälle, kleine Artefakte, Gliederpuppen sowie zahlreiche Mikroprojektionen von Figuren, die sich formen, um gleich wieder zerstört zu werden – mal sanft fliessend, mal martialisch, mal chirurgisch. Die Eingriffe stammen von Yves Netzhammer. Obwohl das hier gezeigte Kulturgut unterschiedlich ist, zieht sich das Thema des Versehrten, Fragmentarischen wie ein Leitfaden durch den Raum – bis ins Sammlungsregister. Dort steht: Kopf eines Würdenträgers, Figur, spätgotisch, 1400–1500 Jh., Nordfrankreich (oder Schwaben?).
Kulturwissenschaft ist Stückwerk. Während wir einen der Pingpongbälle leicht anheben und im Halbdunkeln an seinem Faden zurückfallen lassen, bis dieser – klk, lk, lk … – wieder seine Ruheposition findet, wird uns klar, wie wenig greifbar die Objekte hinter den Scheiben sind, und wie schwierig es selbst für Fachleute ist, die Objekte aus ihrem gläsernen Tresor zu holen und in einen grösseren, kulturellen Zusammenhang zu stellen. Die rudimentär «verarzteten» Objekte wecken unsere Empathie. Sie fordern uns auf, sie in die Hände zu nehmen, zu untersuchen und in ein neues Licht zu setzen.



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 10  2014
Autor/in Claudia Jolles
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=14091818490738H-0
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.