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Fokus
10.2014


 Welche Erkenntnismöglichkeiten stecken in visuellen Erzähl- formen? In komplexen, mehrschichtigen Anordnungen fragt Yves Netzhammer, welche Verletzungen unsere Zeit kennzeich- nen oder in welchen Situationen das Ich zu verschwinden droht. Im Rietberg Museum Zürich ist der Kosmos des Künstlers als funkelndes Panoptikum zu erleben.


Yves Netzhammer - Erzählen als intuitiver Erkenntnisprozess


von: Markus Stegmann

  
links: Seoulsquare, Seoul, Südkorea. Grösste LED-Fläche der Welt, Filmarbeit 2012
rechts: Alte Verstecke in neuen Räumen, 2013, Soundskulptur der begehbaren Rauminstallation in einem Zivilschutzkeller, einem Wasserreservoir und einem militärischen Unterstand. The View, Salenstein


Stegmann: Im Rahmen der Ausstellung ‹Gastspiel› wurdest du zusammen mit weiteren Künstlerinnen und Künstlern eingeladen, im Museum Rietberg in Zürich einen Raum deiner Wahl mit eigenen Werken oder Installationen zu bespielen. Du hast dich für eine Vielzahl kleinformatiger Interventionen im Schaudepot entschieden. Filigrane Objekte und miniaturartige Projektionen treten in tastende Dialoge mit Figuren und Objekten aus anderen Epochen und Kulturen. Warum hast du das Schaudepot gewählt?

Netzhammer: Dieses Schaudepot besitzt eine besondere Intensität. Es ist für mich ein exemplarischer Ort, um weiterzudenken, und entspricht meiner Vorstellung von Information im Sinne von Umberto Eco: Information ist das, was man noch nicht kennt. Elementare menschliche Fragestellungen sind den Figuren eingeschrieben. Ich mag diese enorme Überforderung auf engstem Raum, weil sie viele Möglichkeiten bietet, in Form von Bildern zu denken. Bei den Interventionen geht es mir um eine Art Nachvollzug der in den Figuren gespeicherten Handlungen. Dieser intuitive, empathische Erkenntnisprozess ist für mich dem wissenschaftlichen ebenbürtig. Die Figuren und Objekte sind Medien der Hinterfragung unseres Wirklichkeitsverständnisses.

Stegmann: Du wirst oft als Medienkünstler bezeichnet. Wer deine Arbeiten der letzten 15 Jahre betrachtet wird allerdings feststellen, dass dieses Etikett zu kurz greift, weil verschiedenste Medien interagieren. Bist du im Kern ein Zeichner?

Netzhammer: Ja, unbedingt. Über das Medium der digitalen Zeichnung kann ich mir in einem materialarmen und gravitationslosen «Raum» Vorstellungen machen.

Stegmann: Und warum steht zwischen der Hand und dem Resultat der Computer?

Netzhammer: Es ist der Versuch, andere Qualitäten als die handschriftlichen zu erproben, um eine synästhetische Haptik, eine neue Form der Stilisierung und Abstraktion zu erreichen. Damit möchte ich befragen, was in der heutigen Zeit Subjektivität ist und zukünftig bedeuten könnte. Ich vermesse mit künstlerischen Mitteln den imaginären Raum. Ohne Imagination lässt sich weder denken noch sprechen.

Vielstimmigkeit
Stegmann: Wenn ich deine Arbeiten seit 2003 betrachte, als du mit ersten internationalen Einzelausstellungen für Aufmerksamkeit gesorgt hast, sehe ich in der engen Verflechtung von Zeichnung, Film, Objekt, Skulptur, Installation, Ton und Sprache kunsthistorisch betrachtet einen erstaunlich engen Bezug zur Idee eines medienübergreifenden Gesamtkunstwerks.

Netzhammer: Tatsächlich interessiert mich die Mehrdimensionalität, die Vielstimmigkeit. Ich habe den Wunsch, in einem konkreten Raum ein Erzählsystem anzulegen, welches meine Wahrnehmungsweise transportiert. Ich kann nicht isoliert denken. Alles steht in Bezug und Abhängigkeit zueinander.

Stegmann: Handelt es sich hier um irrationale, unbewusste Bereiche?

Netzhammer: Es sind Modelle, die nach Darstellungen suchen. Wenn wir uns in nicht objektivierbaren Räumen mit verändernden Massstäben bewegen, gelingt vielleicht eine Entdeckung. Ich wähle lieber die komplizierte, offene Struktur, als eine, welche die Dinge permanent simplifiziert und damit abwertet. Der Begriff des Verstehens ist für mich zentral, aber nicht auf einer rationalen Ebene.

Stegmann: Deine grossen Filme oder Ausstellungen der letzten Jahre erzählen komplexe Geschichten, ohne dass sie auf narrative Stringenz, wie beispielsweise Plots, ausgerichtet sind. Ihre schlafwandlerische Mehrstimmigkeit stellt mit ­ihren permanenten Brüchen, Kehrtwendungen und parallelen Ebenen hohe Anforderungen an die Betrachtenden. Was ist dir beim Erzählen wichtig?

Netzhammer: Ich setze immer bei meiner Lebenswirklichkeit an. Wenn ich über sie nachdenke, also den Verstrickungen meiner konstruierten Identität mit einer erfahrbaren Realität nachspüre, begegnet mir ein vertracktes, widersprüchliches Konglomerat, in dem Gegenwart, Erinnerung, Traum, psychologische und kognitive Elemente verwirbeln. Die «Ich-Mischung» sozusagen.

Narration
Stegmann: Ist Kunst für dich Kommunikation?

Netzhammer: Wenn der kommunikative Akt Möglichkeiten der Erkenntnis bietet, dann ja: Identität entsteht nicht aus dem Nichts, sie lebt von den Begegnungen mit dem Anderen. Mir ist der Begriff der Narration wichtig: Wenn mich Gedankenbilder nicht mehr in Ruhe lassen, wenn sich aus einer Geschichte eine eigenständige Poetik entwickelt, entsteht daraus ein narrativer Hallraum.

Stegmann: Eine Parallelwelt?

Netzhammer: Ich will mich weiterbauen. Mit Kunst kann man sich neu erfinden, was mit dem Erzählen unmittelbar zu tun hat. Mich interessieren zum Beispiel unterschiedlichste Biografien. Ich frage mich, was sind das für Menschen, wie ticken sie, wie reden, wie bewegen sie sich? Ich entwickle ein geradezu detektivisches Interesse an Menschen und Objekten.

Stegmann: Physische und psychische Verletzungen ziehen sich wie ein (blut-)roter Faden durch deine Arbeiten - auch durch die aktuellen Projekten. Wenn ich an deine Anfänge Mitte der Neunzigerjahre zurückdenke, gab es damals auch eine spielerische Seite. Seit 2001 - du hast 9/11 vor Ort erlebt sowie die Monate davor und danach - überwiegen die dunklen Facetten menschlicher Existenz und gesellschaftlicher Entwicklung.

Netzhammer: Es geht um Identität: Wann und warum ist sie plötzlich weg? Unter ­welchen Umständen verschwindet das Ich? Das ist eine meiner zentralen Fragen. Eigentlich bestünde die Möglichkeit, in der angesprochenen, medialen Parallelwelt die Zustände zu idealisieren. Tatsächlich zieht es mich jedoch immer auf die dunkle, brüchige Seite.
Stegmann: Dennoch kann man deine Arbeit glücklicherweise nicht als platte Gesellschaftskritik oder moralisierenden Fingerzeig lesen. Gibt es eine überindividuelle Verantwortung der Kunst?

Netzhammer: Verantwortung ist ein guter Begriff: Kunst kann als «Probekörper» einen exemplarischen Nachvollzug ermöglichen. In einem Probekörper kann ich Empfindlichkeiten im Sinne gesteigerter Wahrnehmung trainieren und in einem imaginativen Raum testen. So gelange ich zu neuen «Berührungsqualitäten». Damit will ich sagen, man findet zu Bildern, die so etwas wie Orientierung geben. Sie gehen in meine Figuration ein und müssen sich in einem stereotypen Feld behaupten wie in einigen Projektionen im Rietberg-Museum: Wie verhalten wir uns zum sogenannten Fremden? Wir handeln hierarchisch. Ich versuche herauszufinden, welche Kräfte dabei auf uns einwirken und versuche, Gegensätzliches zusammenzudenken. So stelle ich die Vorurteile unseres Bilderdenkens zur Diskussion.

Verantwortung
Stegmann: Der Kunstbetrieb hat sich in den letzten Jahren kommerziell radikalisiert. Wir leben in neofeudalen Verhältnissen, wenn immer grössere Geldmengen immer grösseren Einfluss nicht nur darauf ausüben, welche Kunst in den Fokus der Aufmerksamkeit tritt, sondern wohl zunehmend auch, was sich infolgedessen im kunsthistorischen Gedächtnis ablagert. Ein fataler Paradigmenwechsel. Wie erlebst du als international gefragter Künstler diese Situation?
Netzhammer: Ich unterschreibe das. Der Markt lässt nur noch bestimmte künstlerische Formen zu, andere verdrängt er. Die Abhängigkeit der Institutionen von privatem Kapital hat stark zugenommen. Aber Kunst kann nicht nur in quantifizierbaren «Begegnungszentren» als Lifestyle vermittelt werden, sondern braucht Zeit, Raum und Konzentration. Wahrnehmung und Erkenntnis lassen sich nicht beliebig beschleunigen, geschweige denn sinnvoll kommerzialisieren. Ausserdem möchte ich nicht die ganze Zeit über Kunst reden, sie immerzu legitimieren müssen und somit ihre eigenständige Natur aufgeben.

Stegmann: Hat sich der Diskurs verselbständigt?

Netzhammer: Ich frage mich schon, ob manchmal der Ausstellungsraum mit dem diskursiven Raum verwechselt wird?
Markus Stegmann, Autor und Kunsthistoriker Basel. stegmann.m@bluewin.ch

Bis: 09.11.2014


Yves Netzhammer (*1970, Schaffhausen), lebt in Zürich

Projekte und Einzelausstellung (Auswahl seit 2003)
2013 ‹The Red Queen›, MONA, Tasmanien
2012 ‹Seoulsquare›, Seoul, Südkorea; ‹Aufräumarbeiten im Wasserfall›, Tanzprojekt mit Anna Huber
2011 Minsheng Art Museum, Shanghai; ‹Dialogischer Abrieb›, Filmfestival Venedig
2010 ‹Das Reservat der Nachteile›, Kunstmuseum Bern
2009 ‹Adressen unmöglicher Orte›, Kunsthalle Winterthur; ‹Abstraktionsvorräte›, Pal. Strozzi, Florenz
2008 ‹Room for Thought›, SFMOMA, San Francisco
2007 Biennale Venedig, Schweizer Pavillon (mit Christine Streuli); ‹Die Subjektivierung der Wiederholung, B›, Karlskirche, Kassel (Documenta 2007)
2005 ‹Die Anordnungsweise zweier Gegenteile bei der Erzeugung ihres Berührungsmaximums›, Kunsthalle Bremen
2003 ‹Das Gefühl präziser Haltlosigkeit beim Festhalten der Dinge›, Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg; ‹Die überraschende Verschiebung der Sollbruchstelle eines in optimalen Verhältnissen aufgewachsenen Astes›, Württembergischer Kunstverein, Stuttgart/Helmhaus Zürich

Publikationen 2014
‹Über Kräfte›, Nils Röller, Barbara Ellmerer, Yves Netzhammer, Merve Verlag Berlin;
‹Ignatien - Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs›, Gerhard Falkner/Yves Netzhammer, Starfruit publications Nürnberg



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Ausgabe 10  2014
Ausstellungen Gastspiel - Schweizer Gegenwartskünstler [12.07.14-09.11.14]
Institutionen Christinger De Mayo [Zürich/Schweiz]
Institutionen Museum Rietberg [Zürich/Schweiz]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in Yves Netzhammer
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