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Fokus
10.2014


 Bedeutung ist nicht gleich Bedeutung. Ein Zeichen kann, je nachdem von wem benutzt und mit was kombiniert, seine Bedeutung wandeln und zuweilen sogar ohne eine schlüssige Bedeutung auftreten. Dieser Wandelbarkeit geht Tom Menzi in seinen Zeichnungen, Videos und Skulpturen nach. Im Helmhaus war und im Corner College in Zürich ist noch aktuell eine Auswahl seiner neuesten Werke zu sehen.


Tom Menzi - Rätsel der Zeichen


von: Pablo Müller

  
links: Auf Gegenseitigkeit, 2003, Videostill aus 1-Kanal-Version, 21', Kollaboration mit Marc Meyer, Darsteller: Jesko Stube, Peter Steiner, Daniel Stähli
rechts: Detail aus Heft 5 (Willkür ist nicht korrupt), 2014, Edition, 72 Seiten, 24x19 cm


Am Mythenquai Zürich, an bester Lage mit Blick auf den See, liegt der Hauptsitz der Schweizer Rückversicherung Swiss Re. Mit über 10'000 Mitarbeitenden und einem Umsatz von über 21 Mrd. Dollar (2011) ist sie heute das weltweit grösste Rückversicherungsunternehmen. Der in Zürich lebende Künstler Tom Menzi hat in Begleitung des Innenarchitekten Marc Meyer mit Mitarbeiter/innen der Abteilung Risikomanagement über ihre Arbeit gesprochen. Daraus ist die dreiteilige Videoinstallation ‹Auf Gegenseitigkeit›, 2002, entstanden, erstmals präsentiert 2003 im Migros Museum in Zürich und damals mit dem Videopreis re:view ausgezeichnet.

In dieser Videoarbeit lässt der Künstler die bei der Swiss Re gesammelten Aussagen von drei Darstellern nachsprechen und setzt so die benutzte Sprache in Szene. Es ist eine Sprache, die konkrete Begebenheiten in Modelle und mögliche Szenarien abstrahiert. Die eigentlich unvorhersehbaren Risiken werden darin zu quantifizierbaren und kalkulierbaren Einheiten. Auch in der für das Filmfestival Vision du Réel mit Aufnahmen der Innenräume des Swiss Re Centre for Global Dialogue in Rüschlikon erweiterten Version geht es - im Vergleich zu einem Film wie ‹Schöpfer der Einkaufswelten› von Harun Farocki - nicht so sehr um die in einer Architektur materialisierten Diskurse. Viel mehr wird die von den Risiko-Managern abstrahierende Sprache durch die gezeigten, menschenleeren Arbeitsräume nochmals verstärkt.

Unlösbare Zeichenrätsel
Kodierung oder, anders gesagt, das Verhältnis von Zeichen und Bedeutung ist ein wiederkehrendes Thema in den Werken von Menzi. In sehr anschaulicher Weise wird dies in den seit dem Kunststudium kontinuierlich entstehenden Zeichnungen deutlich. In diesen, meist Bleistift auf A4-Papier, kombiniert er grafische Elemente mit einzelnen Wörtern, Buchstaben oder auch Zahlen: «Ich lasse lieber etwas weg und entscheide mich, etwas nicht weiter auszuführen oder belasse es in einer skizzenhaften Form. Produzieren und rezipieren gehen dabei fliessend ineinander über.»
In einer Zeichnung aus der Serie ‹Davon erzählt›, 2013, sind mehrere gerade Linien um das Wort «Plan» gruppiert und strahlen auf eine lose Ansammlung schwarzer Kringel. Dahinter steht das Wort «Ansicht». In einer anderen Zeichnung - aus der im Helmhaus präsentierten Serie ‹Heft 5 (Willkür ist nicht korrupt)›, 2014, - sind zwei aufrechten Balken die Worte «zeigen» und «erzählen» zugeordnet. Man ist aufgefordert - wie bei einem Rätselspiel - aus Worten und grafischen Elementen eine logisch sinnvolle Verknüpfung herzustellen. Diese Verbindung kann zuweilen eine eigenwillige Form annehmen. So ist man vielleicht geneigt, aus dem Balkendiagramm eine Verbildlichung der heute favorisierten Kommunikationskompetenz zu lesen.
Rätsel können aber nicht nur in abstrakten Zeichen verborgen sein. Auch - wie das in Zusammenarbeit mit Andreas Helbling entstandene Langzeitvideoprojekt ‹Actors›, 1998-2000, zeigt - alltägliche Situationen können etwas Rätselhaftes an sich haben. Die 34 Videos in einer Länge von einer halben bis zu einer Stunde zeigen Menschen bei der Ausführung von alltäglichen Handlungen. Die frontale Kameraeinstellung zeigt beispielsweise mehrere Personen vor einer hohen Schneewand. Sie klopfen und hacken mit Schaufeln im Schnee herum. Wie in den Zeichnungen kann auch die diesen Handlungen zugrundeliegende Bedeutung aus den vom Künstler gegebenen Informationen allein nicht endgültig entschlüsselt werden. Gerade in dieser Unlösbarkeit entwickeln die Werke eine verspielte, zuweilen poetische Qualität.

Ästhetik der Kunstrezeption
In der Ausstellung im Corner College zeigt Menzi die aktuellste Werkserie. Auch hier geht es um Sprache. War es im Projekt für die Swiss Re die Sprache des Managements, ist es hier die Sprache der Kunstrezeption. In ‹Dieses Werk (Various Claims)›, 2013, sammelte Menzi einzelne Sätze und Wortgruppen aus Kunstzeitschriften, Katalogtexten und Informationsblättern. Die vom Künstler gewählten Auszüge zeigen eine Vorliebe der gegenwärtigen Kunstrezeption für offene, ambivalente Formulierungen, womit sich indirekt die Frage nach der Rolle des kunstkritischen Schreibens stellt. «Ich will Fragen der Kunst, auch ihrer Darbietung, als etwas Codiertes, fast als ein Phänomen mit einem Betriebsgeheimnis zeigen. Mich interessiert der ästhetische Überschuss dieser Deutungsangebote», erläutert der Künstler. Im Corner College kombiniert er die Auszüge mit Teilen aus der Serie ‹Ohne Titel (Various Untitled)› - einer Textsammlung bestehend aus Werkangaben - und führt so zwei Arten der Beschreibung zusammen: die am Empirischen orientierten Werkangaben mit den subjektiv gefärbten Ausstellungsbesprechungen. Beide eigentlich nur Begleittexte zum eigentlichen Werk sind nun Teil einer künstlerischen Arbeit. In seiner Überführung schreibt der Künstler diesen Texten eine ästhetische Eigenschaft zu und fragt gleichzeitig nach der werkkonstitutiven Kraft in ihrer ursprünglichen Funktion.
Pablo Müller, Kunstkritiker und Kunsthistoriker, lebt in Zürich. pablomueller@gmx.net

Bis: 24.11.2014


Tom Menzi (*1963) lebt in Zürich

1999-2002 Studium der ‹Theorie - Studien zur Medien-, Kunst- und Designpraxis›, HfGK, Zürich
1996-1999 Studium der Bildenden Kunst, HfGK, Zürich

Einzelausstellungen (Auswahl)
2014 ‹A 4›, Corner College, Zürich
2001 ‹Zwillinge kommen in Strumpfhosen um die Ecke›, Goldenes Kalb, Aarau
1998 ‹One for you one for me›, Message Salon, Zürich
1995 ‹Intentional›, Fringe Club, Hong Kong

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2014 ‹Konvent›, Ion, Zürich
2013 ‹Talks›, Dienstgebäude, Zürich
2006 ‹Bekanntmachungen›, Kunsthalle Zürich
2003 Videopreis ‹re:view›, Migros Museum, Zürich
2002 ‹Balsam - Exhibition der Fussballseele›, Helmhaus Zürich



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Ausgabe 10  2014
Ausstellungen Tom Menzi [29.09.14-05.10.14]
Ausstellungen Unsettling the Setting [24.10.14-24.11.14]
Institutionen Corner College [Zürich/Schweiz]
Institutionen Museum Bärengasse [Zürich/Schweiz]
Autor/in Pablo Müller
Künstler/in Tom Menzi
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