Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
10.2014


 Zum 150. Geburtstag von Adolf Wölfli bot die Autoren- und Musikergruppe ‹Bern ist überall› auf Einladung des Vereins Wölfli&Musik in der Kunsthalle Bern eine breit gefächerte, virtuose und launige Textcollage dar, um ihren Vorfahren der Spokenword-Bewegung zu ehren, beziehungsweise in die Schranken zu weisen. Wölfli lebte mehr als dreissig Jahre in der psychiatrischen Anstalt Waldau und hat dort ein gigantisches Universum geschaffen. Mittlerweile ist der Outsider einer der bekanntesten Künstler des 20. Jahrhunderts. Der Schriftsteller Gerhard Meister spricht über Spannungsfelder in Wölflis Leben und Werk - zwischen Gigantomanie und Verniedlichung, zwischen erlittener und selbst angewendeter Gewalt.


Adolf Wölfli - Zwischen Gigantomanie und Verniedlichung


von: Daniel Baumann
von: Gerhard Meister

  
links: Grammophon, 1915, Seite aus ‹Geographische und allgebräische Hefte›, Heft No. 13, S. 33, Bleistift, Farbstift und Collage auf Zeitungspapier, 72,2x99 cm, Courtesy Adolf Wölfli-Stiftung, Kunstmuseum Bern
rechts: Felsenau, 1907, Bleistift und Farbstift auf Papier, 74,3x99,3 cm, Courtesy Adolf Wölfli-Stiftung, Kunstmuseum Bern


Gespräch von Daniel Baumann mit Gerhard Meister


Baumann: Wie seid ihr bei der Vorbereitung des Wölfli-Abends vorgegangen?

Meister: Zuerst entscheidet sich, wer von ‹Bern ist überall› - wir sind eine Gruppe von insgesamt 14 Leuten - dabei ist. Normalerweise treten wir zu viert auf, drei Autoren und ein Musiker. Für den Wölfli-Anlass waren wir zu sechst. Wir haben auch schon Abende zu Robert Walser oder Kurt Marti gemacht. Alle setzen sich dann auf ihre Weise mit dem Thema auseinander, jeder kann machen, was er will, am Schluss werden die Texte in einen Ablauf gebracht und mit der Musik verbunden.

Baumann: Was passiert, wenn einer der Texte zu schlecht ist?

Meister: Kritik unter Kollegen ist natürlich heikel, aber zum Glück haben wir in aller Regel Freude an dem, was die andern machen. Vorgängig miteinander zu diskutieren, wäre kontraproduktiv, wir wollen uns nicht auf eine Linie bringen. Bei ‹Bern ist überall› kommen verschiedene Ideen, Blickwinkel und Ausdrucksformen auf einer Bühne zusammen. Natürlich funktioniert das nur deshalb, weil es schon so was wie einen ästhetischen Grundkonsens gibt.

Baumann: Der wäre?

Meister: Ausformuliert als künstlerisches Programm haben wir ihn nie. Es gibt aber ein Manifest, in dem wir festhalten, dass alle Sprachen gleichwertig und gleich kunstfähig sind. ‹Bern ist überall›, das ist ja keine koloniale Strategie, um das Berndeutsche zu positionieren. Wir wollen eher sagen: So wie wir mit dem Berndeutschen als einem Dialekt auf die Bühne gehen, kann das jeder mit seiner Sprache tun. Schon bei uns in der Gruppe gibt es ja auch noch Thurgauerisch, Rätoromanisch und Französisch. Als Berner hat man es vielleicht etwas einfacher, weil es eine literarische Tradition im Dialekt gibt. Ich denke an Kurt Marti, an Mani Matter, aber auch Polo Hofer oder Züri West. Dass man mit Berndeutsch auf die Bühne geht, das ist nichts Ungewohntes. Auch Dürrenmatt hat die Nähe zum Dialekt nie verleugnet und mehr als nur im Scherz behauptet, Deutsch sei für ihn eine Fremdsprache.

Baumann: Was auch das Prinzip von Wölfli ist, der dauernd zwischen Hochsprache und Dialekt wechselt. Wobei die Hochsprache für Autorität und Seriosität steht, während der Dialekt oft Gefühlsausbrüche, Wut und Nonsens übernimmt.

Meister: Dieser Übergang zum Nonsens ist ja sehr interessant, Wölfli wird zum Dadaisten und Avantgardekünstler, ohne dass er von diesen etwas gewusst hat. Und aus der Sprache wird Musik, etwas, was auch bei uns, bei ‹Bern ist überall›, und allgemein im Spokenword passiert, Rhythmus und Klang sind sehr wichtig für uns.

Baumann: Als Alternative zur Hoch- und Schriftsprache?

Meister: Ob jetzt im Berndeutschen mehr Musik drin ist als in einer anderen Sprache, das weiss ich nicht. Ich kann sie aber aus dem Berndeutschen besser herausholen als aus dem Hochdeutschen.

Baumann: Im Fall der Wölfli-Hommage, die ihr am 30. August in der Kunsthalle Bern aufgeführt habt, schien mir, dass seine Biografie stark im Vordergrund stand, auch seine zum Glück erfolglosen Vergewaltigungsversuche. War das Zufall oder ging es darum, dem Kult um Wölfli mehr Realität entgegenzusetzen?

Meister: Ja, einige Texte waren der Liebe gewidmet, beziehungsweise seiner unerfüllten Liebessehnsucht. Pädophilie haben wir nicht speziell thematisiert, dafür in einem längeren Text von mir die Gewalt in der Anstalt, die von Wölfli ausging, basierend auf den Aufzeichnungen seines Arztes Walter Morgenthaler. Ob ich damit dem Kult Realität entgegensetzen wollte? Ich war einfach fasziniert vom Gegensatz zwischen diesem hochfiligranen und konzentrierten Werk auf der einen Seite und der Brutalität auf der andern, wozu natürlich auch die Gewalt gehört, die er zu erleiden hatte, bevor er selbst gewalttätig wurde. Die Biografie Wölflis ist für mich aus diesem Gegensatz heraus ein Faszinosum und auch ein Rätsel. Mit elf musste Wölfli schon als Knecht schuften wie ein Erwachsener, man denkt, Hände, die so schuften müssen, sind für die Kunst unrettbar verloren, schon nur von den Muskeln her, vielleicht sogar wegen der Deformation der Knochen, aber später wird er Bleistiftspitzen zwischen den Fingern halten und damit diese hochkomplexen Figuren zeichnen. Auch hatte er intellektuell als Verdingkind kaum Anregung und musste oft wegen der Arbeit der Schule fernbleiben. Auch hier denkt man: So verkümmern Anlagen, so kann sich nichts entwickeln. Und später dann dieser Riesenkosmos aus diesem Kopf heraus.

Baumann: Man wundert sich tatsächlich, dass er sein Leben überhaupt überlebt hat. Er kam ja erst mit 31 Jahren in die psychiatrische Heilanstalt Waldau, hat also die Hälfte seines Lebens draussen verbracht und offenbar viel Material angesammelt. Am Tag vor eurem Auftritt haben wir während zwölf Stunden seine Texte öffentlich gelesen, draussen vor der Kunsthalle. Nach vier Stunden hatte ich kurz mal genug davon, diese Intensität und die Wörterreihen, die er runterhämmert. Mit ‹Bern ist überall› macht ihr das ähnlich, ihr baut Druck auf, es folgen in schneller Kadenz verschiedenste Texte, es gibt, wie bei Wölfli, Fülle und Overkill. Einer deiner Beiträge war ‹ZVreneli zeichnet äs Wöufli›. Er lebt davon, dass die Laute sich fast verselbständigen, dass Stimmen sich überdecken und Perspektiven unangekündigt wechseln.

Meister: Es ist schon speziell, dass dieser Gigantomane einen Namen mit einem typisch schweizerischen Diminutiv hat, der alles verniedlicht. Wenn Wölfli irgendetwas nicht ist, dann niedlich. Dieser Gegensatz stand am Anfang dieses Textes und damit spielt er.



ZVreneli zeichnet es Wöufli, Text von Gerhard Meister
Lue ds Vreneli tuet zeichne, lue zVreneli zeichnet es Wöufli, lue mau das Wöufli wo zVreneli het zeichnet, cha das Vreneli guet zeichne, gseht das Wöufli härzig us, es chlises härzigs Wöufli, so schön Vreneli, so nes härzigs Wöufli, Vreneli, Vreneli, wettsch no witer zeichne, lue ds Vreneli wott no witer zeichne, gib em no nes Blatt, lue da Vreneli, non es Blatt u was wosch ietz zeichne, no mau es Wöufli, z Vreneli wott no mau es Wöufli zeichne, ja Vreneli, tue no mau es Wöufli zeichne, e lueg ietz, da hets no mau es Wöufli zeichnet, es chlises härzigs Wöufli, eis zum gärn ha, eis zum drücke, so nes richtig schnüsigs Wöufli, e Schnüggu vomene Wöufli, Jesses Gott, isch das schnüsig das Wöufli, isch das schön, wie das Vreneli cha zeichne, Vreneli, isch das schön, lue ds Vreneli wott no witer zeichne, gib em no nes Blatt, lue da Vreneli, no nes Blatt, u jetz, was wosch ietz zeichne, es Wöufli, scho wieder es Wöufli, wettsch nid mau öppis angersch zeichne, tue mau öppis angersch zeichne, es Häsli, es Rehli, es Büsi, es Änteli, das wär doch o schön, wosch nid, wosch wieder es Wöufli zeichne, guet, de tuesch haut wieder es Wöufli zeichne, nei, mir hei nüt dergäge, mir hei nüt gäge Wöufli, ja Vreneli, o das Wöufli isch schön usecho, tipptopp, bravo, aber jetz chönntsch doch mau e Pouse mache, Vreneli, mach doch mau e Pouse, Vreneli, wosch würklech no witer zeichne, lue ds Vreneli wott no witer zeichne, gib em no es Blatt, lue da Vreneli no nes Blatt aber bitte Vreneli, nid scho wieder es Wöufli, bitte Vreneli, es git so viu wome chönnt zeichne, es muess doch nid jedes Mau es Wöufli si, ja, es isch es schnöns Wöufli, wo ds Vreneli het zeichnet, es isch es härzigs Wöufli u das o u o das, aus schöni, härzigi Wöufli, Wöufli zum gärn ha, Wöufli zum drücke, zum schtrichele u schmüsele u müntschele aber wieso Vreneli, wieso scho wieder es Wöufli, wieso immer nume Wöufli u no mau Wöufli, da hocket sie u zeichnet es Wöufli, wieder eis vo dene schnüssige Wöufli, e Schnüggu vomene Wöufli u zeichnet nomau es Wöufli u zeichnet bis spät i dNacht Wöufli Wöufli Wöufli, wenn hört das wieder uf, Vreneli, Vreneli, gang doch mau veruse, Vreneli, du muesch jetz mau veruse, aber ds Vreneli wott nid, ds Vreneli hocket u zeichnet es Wöufli u nächhär es Wöufli u näch­här es Wöufli u nächhar no eis u no eis u no eis u no eis.
Gerhard Meister, Mitglied der Autoren- und Musikergruppe ‹Bern ist überall›. gerhardmeister@gmx.ch


‹Das Allmachtsrohr›, Musiktheater von Helena Winkelman (Komposition und musikalische Leitung) und Meret Matter (Regie), initiiert vom Verein Wölfli&Musik (Präsidentin Rosemarie Burri), Dampf­zentrale Bern, 3. und 4.10.

1864 Adolf Wölfli wird in sehr ärmlichen Verhältnissen im Emmental geboren
1872 wird mit 8 Jahren Waise und fortan als Verdingkind herumgereicht
1880-1894 schlägt sich als Taglöhner durch und kommt für zwei Jahre ins Gefängnis
1895 wird mit 31 Jahren wegen erneutem Notzuchtversuch in die psychiatrische Heilanstalt Waldau bei Bern eingeliefert und dort vom Psychiater Walter Morgenthaler betreut
1930 stirbt in der Waldau und hinterlässt eine grossartige Vision: In Text und Bild erfindet er sich auf 25'000 Seiten ein neues Leben und eine kommende Welt: ‹Skt. Adolf-Riesen-Schöpfung› mit ihm als Skt. Adolf II. an der Spitze
1975 wird die Adolf Wölfli-Stiftung gegründet mit Domizil im Kunstmuseum Bern



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 10  2014
Autor/in Daniel Baumann
Autor/in Gerhard Meister
Künstler/in Adolf Wölfli
Link http://www.150woelfli.ch
Link http://www.adolfwoelfli.ch
Link http://www.bernistueberall.ch
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1409181850547NW-3
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.