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Fokus
10.2014


 Gerade jüngere Künstler suchen derzeit zunehmend die Auseinandersetzung mit Philosophie, insbesondere mit dem Spekulativen Realismus. Der Philosoph Armen Avanessian äussert sich im Gespräch zu dieser objektorientierten und eben nicht anthropozentrischen Denkrichtung.


Theorie - Spekulativer Realismus


von: Raimar Stange

  
Armen Avanessian, Philosoph und Literaturwissenschaftler FU-Berlin, Gastprofessor Akademie der Bildenden Künste Wien, Gründer der Plattform Spekulative Poetik


Stange: Was bitte ist neu an der Denkrichtung des Spekulativen Realismus?

Avanessian: Der Spekulative Realismus ist nicht wirklich eine gemeinsame systematische Denkrichtung. Die unterschiedlichen Theoretiker/innen vereint vielmehr ein gemeinsamer Ausgangspunkt bzw. eine Absetzung von dem, was der französische Philosoph Quentin Meillassoux Korrelationismus nennt. Damit ist der Zwang gemeint, Objekte, Gegenstände, Dinge immer nur in Korrespondenz von wahrnehmenden oder denkenden Subjekten zu begreifen. Die Forderung lautet, grob gesagt: Wir müssen und können die Welt als unabhängig von uns Menschen denken, statt uns ständig als ihr Massstab aufzuspielen. Die gegenwärtige spekulative Philosophie ist durch einen neuen Stellenwert ontologischer Fragen gekennzeichnet - Ontologie verstanden als Lehre vom Sein, was die Dinge tatsächlich sind.
Stange: Im Rahmen der um die Jahreswende im Kasseler Fridericianum gezeigten Ausstellung ‹Speculations on Anonymous Materials› fand im Januar ein Symposium zum Spekulativen Realismus statt, und du hast gerade das aktuelle Heft der ‹Texte zur Kunst› zum selben Thema redaktionell konzipiert. Warum ist derzeit diese «objektorientierte» Philosophie im Kunstkontext so angesagt?

Avanessian: Zunächst einmal sind die Veränderungen in der Philosophie nicht völlig unabhängig von der allgemeinen gesellschaftlichen, kulturellen und damit auch künstlerischen Situation. Der Wille einer neuen Generation, die vorhandenen Probleme anders anzugehen bzw. uns tangierende Fragen anders zu stellen, findet sich nicht nur in der Philosophie, sondern selbstverständlich auch in der Kunst. Ein erstes Indiz dafür ist ein neues Interesse für Objekte bzw. der Versuch, deren Status im Verhältnis zu Subjekten neu zu bestimmen, prominent präsent etwa bei der letzten documenta. Vor allem das Paradigma «kritische» Kunst ist in einer offensichtlichen Krise: Die kritische Kunst leistet nicht, was sie verspricht. Dass der objektorientierte Ansatz so Anklang gefunden hat, liegt sicher auch an den Alternativen, die er zu formulieren versucht, um das Verhältnis von Subjekten zu Objekten bzw. Objekten zu Objekten zu überdenken und zu enthierarchisieren.

Stange: Nico Baumbach warf im Magazin Artforum dem Spekulativen Realismus einen «entpolitisierenden metaphysischen Materialismus» vor. Wie stehst du dazu?

Avanessian: Zunächst einmal ist es falsch und generell langweilig, alles Neue immer durch die eigene politische Brille zu sehen und entsprechend als insuffizient abzuqualifizieren. Das Politische ist als Distinktionsmerkmal ungefähr so aussagekräftig wie das Pochen auf «Demokratie»: Ich persönlich kenne inklusive Nordkorea kein Land, das sich als nichtdemokratisch bezeichnet, und ich kenne auch kaum einen Philosophen oder Künstler, der sich als unpolitisch bezeichnet. Zudem schliessen Ontologie und Epistemologie bzw. Politik einander keineswegs aus. Darüber hinaus kommt auch einer der momentan wichtigsten Ansätze politischer Theorie, der Akzelerationismus, aus dem Umkreis des Spekulativen Realismus. Anstelle einer immer leereren Selbstreflexionsschleife verlangt widerständiges Denken heute eine andere, manipulative Praxis und so etwas wie ein spekulatives Entwerfen einer Zukunft, die tatsächlich noch ihren Namen verdient. Es bedarf der Spekulation, um der Gegenwart etwas entgegensetzen zu können. Die Konfrontation mit anstehenden Problemen steht deswegen unter dem Zeichen einer verstärkten Einbeziehung der zeitgenössischen Wissenschaft. Auch das ist übrigens ein Phänomen, dem ich bei der von dir angesprochenen Kassler Ausstellung begegnet bin, und das also möglicherweise auch für eine neue Künstlergeneration kennzeichnend ist.

Stange: Wo siehst du die Verwandtschaft von Akzelerationismus, der Beschleunigung als emanzipatives Potenzial behauptet, und dem Spekulativen Realismus?

Avanessian: Der schon angesprochene positive Bezug auf die Wissenschaften ist nur ein Aspekt eines von beiden geteilten prometheischen Rationalismus, der glaubt, dass wir tatsächlich eine andere Welt denken und gestalten können. Wir stehen vor gravierenden globalen Problemen, die wir nur ernsthaft angehen können, wenn wir die vorhandenen wissenschaftlichen und technologischen Optionen möglichst umfassend verstehen und auf progressive Weise weiter beschleunigen, statt grünen Folklorephantasien nachzuhängen. Das Ziel ist die Überwindung des real existierenden Katastrophenkapitalismus. Und überhaupt: Wir müssen lernen, auf ganz rationale Weise, d.h. ohne alle existentialistische Romantik, die Welt auch ohne uns Menschen zu denken. Dementsprechend ist das neue spekulative Denken ein experimentelles Denken für das Anthropozän oder Post-Anthropozän, es ist ein inhumanes Denken.
Raimar Stange, Kurator und Kunstpublizist, Berlin, raimarb@aol.com



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Ausgabe 10  2014
Autor/in Raimar Stange
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