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Ansichten
10.2014


 Der Louvre im Februar 1997, Nieselregen, Menschenmassen. Mittendrin ich, eine junge Doktorandin, aufgeregt, erwartungsvoll. Heute werde ich endlich das Gemälde sehen, das ich nur von Abbildungen kenne: ‹Portrait en pied de la marquise de Pompadour›. Eine Rückblende im Jahr ihres 250. Todestages.


Ansichten - Im Bauch des Louvre, bei Madame de Pompadour


  
Maurice-Quentin Delatour · Portrait en pied de la marquise de Pompadour, 1755, 177x136 cm, Louvre, Paris, ©Musée du Louvre, Paris, bpk/RMN, Grand Palais. Foto: Gérard Blot


Der berühmte Maler Maurice-Quentin Delatour hatte 1749 den Auftrag von der offiziellen Mätresse des französischen Königs Ludwig XV. höchstpersönlich erhalten. Madame de Pompadour brauchte das Bild, um ihre politische Macht zu demonstrieren. Es sollte ein wichtiger Baustein in ihrem Imagegebäude werden, das bis heute nachwirkt. Madame als kluge Politikerin bei der Arbeit an ihrem Schreibtisch. Ein Traum. Die Ausführung gestaltete sich allerdings kompliziert. Der Künstler war launisch, schützte Nervenkrisen vor, liess Porträtsitzungen platzen. Die Arbeiten schleppten sich hin. Dann, nach sechs langen Jahren, am 25. August 1755, konnte das Gemälde im jährlichen Salon im Louvre gezeigt werden. Um fast 250 Jahre später das Porträt sehen zu können, habe ich mein karges Stipendium zusammengekratzt, einen Flug nach Paris und ein schäbiges Hotel gebucht. Ich schiebe mich durch das Gedränge, komme endlich in den Saal - das Bild ist nicht da. Es sei im Depot, sagt ein Mann an der Information. Ich bin fassungslos, den Tränen nah. Da hält er mir unvermittelt den Telefonhörer hin. Unsicher frage ich nach dem Bild. «Kommen Sie morgen um zehn Uhr an die Porte F», sagt eine Stimme, es klickt in der Leitung. Er hat aufgelegt.
Pünktlich stehe ich am nächsten Tag vor der Tür, warte frierend. Habe ich etwas falsch verstanden? Da, die Tür geht auf! Französisch schnauzbärtig werde ich gefragt: «Madame de Pompadour?». Dann geht alles ganz schnell. Ein Aufzug fährt rumpelnd in den Bauch des Louvre, eine Tür öffnet sich, in langen Gängen fahren Lagerarbeiter auf Fahrrädern umher, an riesigen, rollbaren Aufhängevorrichtungen hängen die Schätze des Louvre übereinander. Da, in einem Seitengang steht Madame de Pompadour auf einer Staffelei. Als würde sie auf mich warten. «Eine halbe Stunde?», fragt mein Begleiter. Ich nicke stumm. Dann sind wir allein. Sie, als unverglastes, kostbares Pastell. Und ich, die ihr so nah kommen kann, wie einst vielleicht nur der König. Ich lese die Titel der Bücher auf ihrem Schreibtisch, Texte der französischen Aufklärung, schaue ihr tief in die grauen Augen, entdecke, dass Frankreich auf dem prachtvollen Tischglobus blau umrandet ist: ihr Reich. Darüber herrschte sie. Hochgebildet, ambitioniert, imagebewusst. In Delatours Porträt ist sie weit mehr als bloss Geliebte des Königs. Sie ist politische Entscheiderin. Nach einer Dreiviertelstunde ist alles vorbei, ich stehe wieder draussen, glücklich. Noch heute, 17 Jahre später, überläuft mich eine Gänsehaut, wenn ich an die Privataudienz zurückdenke. Die Begegnung wurde der Beginn einer langen Beschäftigung mit ihren Inszenierungsstrategien, über die mir ihr Porträt damals manches Geheimnis zugeflüstert hat.
Andrea Weisbrod, Schriftstellerin und Autorin von ‹Madame de Pompadour›, 2014, andrea@weiswald.com



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Ausgabe 10  2014
Autor/in Andrea Weisbrod
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