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Fokus
10.2014




Aus dem Bericht des Psychiaters Walter Morgenthaler


von: Walter Morgenthaler



Fängt 1897 an, massenhaft zu halluzinieren, es kommt zu schweren Gewalttaten. Muss zweimal auf die Zellenabteilung versetzt werden. Behauptet, ein anderer Kranker habe ein Mädchen missbraucht, geht auf diesen los, schlägt ihn zu Boden, ergreift bei der Versetzung in die halbruhige Abteilung eine Bank, geht damit auf die Wärter los, verletzt den Oberwärter mit Fusstritten, wird deshalb auf die unruhige Abteilung versetzt, wehrt sich gewaltig dagegen, wieder auf der halbruhigen Abteilung hat er Verfolgungsideen gegen einige Kranke, er droht und ist gleich mit der Faust bereit, wird dann auf eine andere halbruhige Abteilung versetzt, weil er Patienten zu Boden schlug, wird auch dort unmöglich, muss, nachdem er andere Kranke misshandelt hat, nach der unruhigen Abteilung in die Zelle versetzt werden, hört beständig von sich reden, sagt wir hielten ihm Schweinereien vor, wird tagsüber zu den anderen in den Garten gelassen, bekommt Streit, redet vom kaltmachen, schlägt immer unbesinnter und brutaler los, lässt man ihn zu den andern, prügelt er ganz tierisch" auf Kranke ein, welche Lärm machen, er schlägt einen alten Mann blutig, stösst einen anderen, den er schon vorher misshandelt hat, von einer Bank, so dass er den Oberschenkel bricht, tobt in der Zelle, zerstört, was er kann, versucht die Wärter zu beschmutzen, zerreisst Bett und Wäsche, so dass er wochenlang ohne Hemd bleiben muss, kann dann zeitweise ganz guter Laune, sogar heiter sein, fängt wieder an zu halluzinieren, fühlt sich verfolgt, ist gereizt, wird schwer gewalttätig, muss isoliert werden, scheint sich zu beruhigen, schlägt dann den Nachtstuhl zusammen, stürzt auf den Korridor, zertrümmert das Fensterkreuz mit allen Scheiben, bleibt stehen, ist ganz blass und schwitzt stark. Im Frühjahr 1899 wird zum erstenmal wieder berichtet, er habe eine zeitlang fleissig Holz gesägt und im November des gleichen Jahres: "er vertreibt sich die Zeit mit Zeichnen."

Er zeichnet, dichtet, komponiert, daneben Gereiztheit, Halluzinationen, Drohungen und Schimpfereien mit schweren Gewalttaten, der Versuch, seinen Eifer beim Zeichnen auf etwas Nützliches zu lenken schlägt fehl, er lehnt den Vorschlag, das Korbflechten zu lernen, ab, im Frühling und Sommer 1900 geht es recht ordentlich, im November ein schwerer Erregungszustand, er reisst das Klappfenster herunter, zertrümmert die Scheiben, schimpft, schneeweiss im Gesicht, vor sich her, bis endlich das Toben in heftiges Weinen übergeht, ruhige Zeiten, in denen er zeichnet, wechseln mit anderen, in denen er droht und dreinschlägt, er verprügelt einen anderen Kranken arg, der ihm seine Zeichnungen zerrissen hat, klettert im Sommer auf Bäume, spielt einmal sogar mit den anderen Karten, liest in alten illustrieren Zeitschriften, wirft dann wieder einen anderen Kranken so heftig zu Boden, dass dieser einen Oberschenkelbruch davon trägt, stürzt los und schlägt blindlings drein, wenn er andere streiten sieht, im Herbst 1906, wird berichtet, arbeitet er wieder, er sägt mehrere Wochen sehr fleissig Holz, zeichnet dafür weniger, ist gegen Kranke, die Spektakel machen, noch immer sehr gewalttätig, ist 1907 meistens fleissig am Holzssägen, muss im Herbst wieder isoliert gehalten werden, nachdem er im Streit einem anderen Kranken ein grosses Stück der Oberlippe abgebissen hat, spaltet im Frühling 1908 nicht nur Holz, sondern beschäftigt sich auch mit der Papiertütenfabrikation, kann daneben noch recht brutal werden, muss dann isoliert gehalten werden, worauf er eifrig zeichnet und Gedichte schreibt, ist in der Zelle meist ruhig, sobald er sein Zeichenmaterial und seinen Kautabak erhält, regt sich über einen lärmenden Kranken in der Nachbarzelle auf, ruft diesem durch die Wand alle möglichen Schimpfnamen zu, lauert ihm auf, wenn die Zellen gereinigt werden, prügelt ihn durch, im Winter 1911/1912 bleibt er meistens in der Zelle, gibt selber zu, dass er lieber isoliert bleibe, bleibt auch in den Sommern 1913 und 1914 meistens ganz für sich, bei vereinzelten Versuchen, ihn zu den anderen zu lassen, bekommt er sofort Streit. Auch in den folgenden Jahren ist die Änderung gering, die ganz langsam zunehmende Beruhigung dauert an.



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Ausgabe 10  2014
Autor/in Walter Morgenthaler
Künstler/in Adolf Wölfli
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