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Besprechung
10.2014


J. Emil Sennewald :  Er war ein guter Junge. Seine Mutter liebte ihn. Doch bevorzugte sie den Bruder. Der strenge Junge war ihr unheimlich. Manchmal, an stillen Abenden, wenn sie beim Bruder sass, spürte sie den anderen. Vom Winkel vor der Blumentapete aus, die Augen verschattet, starrte er herüber. Sie konnte nicht wissen, dass...


Paris : collectif_fact - Dem Realen mit Fiktion auf der Spur


  
links: collectif_fact · Video still, Hitchcock presents, 6'26', 2010
rechts: collectif_fact · Ausstellungsansicht, 2014, Centre culturel suisse, Paris


Ein Vorhang hebt sich, eine Bank steht bereit, ein Film läuft. Sofort erkennen wir die Stimme, die Musik, werden in die unheimlichen Welten von Alfred Hitchcocks ‹Psycho› versetzt. Er führt uns durch die Räume, wie im Filmtrailer von 1960. Doch die Bilder passen nicht. Das ist nicht Norman Bates' Haus, sondern die Villa Jeanneret-Perret, genannt ‹Maison Blanche›, von Le Corbusier 1912 in La Chaux-de-Fonds errichtet. Es ist auch nicht der Erker, aus dem Bates' Mutter blickt, sondern das Wohnzimmer der Familie des Architekten. Die Verführung in vertraute Bildwelten gelingt durch Codes. Schnitttechnik, Musik, Kameraschwenks - Strukturen des Imaginären. «Wir sind grosse Hitchcock-Fans», erklärt Claude Piguet von collectif_fact, «als wir das Haus sahen, fiel uns gleich der Trailer ein. Die Schnitte entsprechen dessen Montage.» Seit 2002 produziert Piguet mit Annelore Schneider «Dispositive», in denen sich Architektur, Film und Fotografie zum imaginären Zwischenraum verdichten - jenem Übergangsbereich, in dem Vorstellung und Wirklichkeit sich treffen, Eigenschaften tauschen. An diesem Raum haben schon andere gearbeitet: Douglas Gordon mit ‹24 hours Psycho›, 1993, oder Pierre Huyghe mit ‹Remake›, 1995, nutzten Mechanismen der Suggestivkunst. Alfred Hitchcocks Beziehung zur Kunst zeigte 2001 das Centre Pompidou mit fast 200 Werken.
Auch die Filmcollagen des collectif_fact verführen. Doch Brüche und Verschiebungen erzeugen Distanz, Zweifel. «Der Betrachter soll in andere Räume geführt werden und dennoch bemerken können, was ihn wie verführt hat», erklärt Annelore Schneider. Man könnte angesichts der Ausstellung noch weiter gehen. Indem sie das Tapetenmuster auf der Wand reproduzieren, wie es im Schwarzweissfoto des Maison Blanche erscheint, indem sie originale Fotos aus dem Museumshaus hierher gehängt haben, entzaubern die Künstler den Film. Doch sie sind keine Ikonoklasten, nutzen die Macht der Bilder. Reales, das wird auch in der Diafolge ‹The Fixer› deutlich, die im Barbican Center London aufgenommene Menschen zu Opfern eines Auftragskillers wandelt, tritt als Vorstellung hervor, angetrieben durch Angst oder den Wunsch, Altbekanntes wiederzuerkennen. Durch Filme und Bilder geformte Einbildung richtet Wirklichkeit ein. Doch nur insofern, als diese den Bildern Wirkungsmacht einräumt. Die trickreich gestalteten Räume des collectif_fact führen das vor, ohne einer oberflächlichen Faszination des Suggestiven zu erliegen.

Bis: 26.10.2014



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Ausgabe 10  2014
Ausstellungen Collectif_fact: Le bénéfice du doute [12.09.14-26.10.14]
Institutionen Centre Culturel Suisse [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
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