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Besprechung
10.2014


Alice Henkes :  Heimat ist nicht unbedingt ein fixer Ort, der sich auf einer Landkarte markieren lässt. Vielmehr ist Heimat ein innerlich gespeichertes Referenzsystem und kann auch irgendwo im Kopf sein. Von der realen Welt und ihrem künstlerischen Abbild erzählt ­Sophie Bouvier Ausländer in ihrer Ausstellung in Pully.


Pully : Sophie Bouvier Ausländer - Bedrohliche und verlockende Fremde


  
Sophie Bouvier Ausländer · Hotel Ausland, 2014, Neonschriftzug


Kunst ist eine Möglichkeit, die Welt zu betrachten. Indem sie ein Bild von der Welt entwerfen, erzeugen Kunstschaffende zugleich eine eigene Welt, die Bezug nimmt auf die reale Welt draussen und doch auch eigenen Gesetzen gehorcht. Diese Kunstwelt interessiert Sophie Bouvier Ausländer (*1970). Wie eine Forschungsreisende macht die Künstlerin aus Lausanne sich auf, die Schnittstelle zwischen Alltagswelt und Kunstwelt zu erkunden. Ihrer Ausstellung im Museum Pully mit dem andeutungsreichen Titel ‹Hotel Ausland› gibt sie den Duktus einer Reise. Die Erkundungstour beginnt mit einem Kartenhaus, das im französischen wie im deutschen Sprachraum gern als Sinnbild der Fragilität genannt wird. Das ‹château des cartes› ist aus Leinwänden gebaut, die mit übermalten Landkarten beklebt sind. Aus dem Zusammenspiel des erschütterungsanfälligen Konstrukts mit den unlesbar gewordenen Landkarten ergibt sich ein Bild der Orientierungslosigkeit und Unbehaustheit, das sich möglicherweise im Verlauf der Ausstellung noch steigern wird. Sollten Teile des Kartenhauses einstürzen, so möchte die Künstlerin die am Boden liegenden Leinwände als eine Art Ruine liegen lassen.
Neben den fragilen Kunstwelten sind es auch die von Menschen und Ereignissen gezeichneten Orte, die Bouvier Ausländer beschäftigen. Auf grauen Kalkpapieren hat sie mittels Frottage-Technik die Struktur der Wände ihres Ateliers in Lausanne abgenommen. Die Wände haben durch unzählige Übermalungen reliefartige Strukturen erhalten, die Frottagen verbildlichen diese zu Landschaften, die aus dem Vergehen der Zeit und einer Abfolge immer neuer Ateliernutzer gewachsen sind. Die Künstlerin betont den Aspekt der Vergänglichkeit und Bewegung, indem sie die Papiere so faltet, dass sie alle in einen Koffer passen. Auch hier fädelt sich wie beiläufig wieder das Thema der Instabilität ein. Die Welt ist ein unsicherer Ort. Man könne in zwei Welten gleichzeitig sein, sagt sie, mit dem Körper im Atelier, mit dem Kopf andernorts. Dieses an zwei Orten Sein-Können birgt eine Verheissung, schliesst aber auch ein Fremdsein, ein Suchen mit ein. Im letzten Raum der Ausstellung installiert die Künstlerin einen Neonschriftzug ‹Hotel Ausland›, der mit ihrem Nachnamen spielt, mit bedrohlichen und verlockenden Aspekten der Fremde und dem Gedanken, dass in der Fremde immer auch ein Stück Heimat stecken kann und umgekehrt.

Bis: 23.11.2014



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Ausgabe 10  2014
Ausstellungen Sophie Bouvier [18.09.14-23.11.14]
Ausstellungen Sophie Bouvier Ausländer [26.09.14-25.10.14]
Institutionen Musée d'art de Pully [Pully/Schweiz]
Institutionen Galerie Heinzer Reszler [Lausanne/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Sophie Bouvier Ausländer
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