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Besprechung
10.2014


Alice Henkes :  Der in Zürich lebende US-amerikanische Künstler David Chieppo eint in seinen kleinformatigen Bildern und Zeichnungen einen expressiven Gestus mit einer naiv anmutenden Bildsprache und einer grossen Lust am Erzählen. Allerdings geht das Narrative nicht selten mit dem Unheimlichen einher.


Solothurn : David Chieppo - Erzählungen mit Lücken


  
David Chieppo · Matrimony, 2012, Öl auf Holz, 60x84,5 cm


Für die Ausstellung wurden Bänke ins Grafische Kabinett gestellt, und das nicht von ungefähr. David Chieppos (*1973) Bilder lassen sich wie ein langsamer Film, ein farbenreicher und verwirrender Bilderbogen lesen. Von Bild zu Bild der kleinen, ungemein dichten Schau scheinen sich Erzählbögen zu spannen und Geschichten zu wachsen. Ein im Bett liegendes Paar lässt sich in zwei Nixenwesen, Mann und Frau mit Fischschwänzen, wiederfinden. Eine bedrohliche Szene unter einer Seilbahn steht neben dem gefallenen Kopf einer Monumentalskulptur. Schnell füllt die Imagination die spannungsreichen Lücken zwischen den Bildern aus.
Hin und wieder sind seine Arbeiten auch direkt vom Film inspiriert, wie etwa die vierteilige Lithografie-Serie ‹The Navigator (Buster Keaton)›, 2013, die auf eine traurig-burleske Szene mit Buster Keaton Bezug nimmt, in welcher der Held versucht, seiner schwächelnden Geliebten einen Klappstuhl auszubreiten, dabei jedoch so gründlich an der Tücke des Objekts scheitert, dass die vermeintlich zarte Dame empört davonmarschiert. Das Betrübliche und das Humorige stossen auch in anderen Werken Chieppos unvermittelt aufeinander. Ganz so wie in der Schriftzeichnung ‹Happity›, die der Ausstellung auch ihren Titel gibt. In ihr verbindet Chieppo Happiness und Pity, Glück und Mitleid zum lebensnahen Amalgam.
Das Narrative in der Kunst war lange Zeit verpönt, galt als zu einfach, zu oberflächlich, zu schlicht. Chieppo, in New Haven im US-Bundesstaat Connecticut geboren und seit 1998 in Zürich beheimatet, malt Bilder, die auf den ersten Blick leicht lesbar, fast ein wenig kindlich scheinen. Der lächelnde Tiger auf ‹Matrimony›, 2012, könnte einer der prächtig bunten Urwald-Phantasien eines Henri Rousseau entsprungen sein. Doch dann lösen sich die kraftvollen Farben, die Figuren in Rätsel auf. Wem gehören der Schuh und der Gewehrlauf am Bildrand? Wer wird die weisse Geiss zuerst erlegen, das anonyme Gewehr oder der lächelnde Tiger?
Im künstlerischen Universum Chieppos lebt eine Verunsicherung, die nur schwer in Worte zu fassen ist und die Zweifel an der Welt, wie sie ist, ebenso ausdrückt wie ein Misstrauen gegenüber der Medienfülle unserer Zeit, die uns blind macht. Wenn Chieppo im Dyptichon ‹Untitled›, 2007, einen gefallenen Soldaten mal als normalen Soldaten, mal als Homer Simpson darstellt, so kommt darin auch eine Kritik an der Allgegenwart des Entertainments zum Ausdruck, eine Allgegenwart, welche die ­eigentliche Wirklichkeit bisweilen unfühlbar macht.

Bis: 19.10.2014



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Ausgabe 10  2014
Ausstellungen David Chieppo [21.06.14-19.10.14]
Institutionen Kunstmuseum Solothurn [Solothurn/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in David Chieppo
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