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Besprechung
10.2014


Egor Larichev :  Die europäische Biennale ‹Manifesta› wechselt alle zwei Jahre Kurator/innen und Standort. Bevor sie 2016 in Zürich Station macht, findet die zehnte Ausgabe unter der Leitung von Kaspar König in St. Petersburg statt. Mit der Grossausstellung verbinden sich erneut weitgespannte, teils divergente Erwartungen.


St. Petersburg : Manifesta 10 - Wie ein Flüstern in einem Rockkonzert


  
links: Pavel Pepperstain · Europe in Trouble, 2013, Acryl auf Leinwand, 150x250 cm
rechts: Francis Alÿs · Lada Kopeika Project, 2014. Foto: Dmitrii Bariudin


Zum ersten Mal seit 300 Jahren empfängt St. Petersburg eine massive Landetruppe zeitgenössischer Kunst aus Europa. Wahrscheinlich würden mir der Schweizer Dominico Tresini, die Italiener Bartolomeo Rastrelli und Carlo Rossi sowie der Franzose Auguste Montferrand widersprechen. Mit mehr als zweihundert anderen europäischen Künstlern und Architekten konstruierten und dekorierten sie im 18. Jahrhundert Kathedralen und Paläste und haben so die grosse «Sankt-Petersburg-Erfahrung», die neue Kapitale des russischen Reichs am sumpfigen Ufer der Newa, vollendet. Es war die Stadt der zur Schau gestellten, importierten, europäischen Kultur und sogar die Eremitage - der zentrale Ausstellungsort der Manifesta 10 - in der Zarenresidenz wurde zur Beherbergung der königlichen westlichen Kunstsammlung gebaut.
Im letzten Jahrhundert war die frühere Hauptstadt vom belebenden Austausch mit dem Westen abgeschnitten und damit war ihr Schicksal als verblassende Schönheit besiegelt: Die Stadt ging durch zwei Weltkriege, zwei Revolutionen, Blockaden, Repressionen, Stagnation und Perestroika. Deshalb kommen wir alle so gerne hierher - es ist wie eine Zeitreise. Seit Anfang 2000 die Lokalen unter Mr. Putin - ein gebürtiger Leningrader - die Führung des Landes übernommen haben, sind hier wieder bessere Zeiten angebrochen. Die Hülle der Stadt wurde konsequent restauriert, allerdings ohne anderes Ziel, als die neu aufpolierten Zeichen früheren Stolzes und vergangener Glorie zu zeigen. Die orangene Pille der Manifesta soll jetzt die toten Verbindungen wiedererwecken und die Bewohner/innen und Gäste der Stadt für eine gewisse Zeit am Fluss zeitgenössischer europäischer Kunst teilhaben lassen.
Es gibt zwei Hauptveranstaltungsorte: Die Eremitage und das nebenstehende, soeben renovierte und für Grossausstellungen vorgesehene General Staff Building. Die künstlerischen Interventionen in der Eremitage von Künstler/innen wie Yasumasa Morimura, Gerhard Richter, Karla Black und sogar Louise Bourgeois sind so delikat, dass sie sich in den diversen historischen Ausstellungen beinahe verflüchtigen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Sie sind so klein, dass sie kaum aufzufinden sind, und auch die steten Besucherströme auf der Suche nach Leonardos Madonna nicht bremsen. Es ist wie Flüstern in einem Rockkonzert.
Die Ausstellung im General Staff Building wirkt dagegen sehr klar, gut bemessen und luftiger. Sie liest sich als homogenes kuratorisches Statement. Die Reflexionen und Visionen von Francis Alÿs (der in einem alten sowjetischen Lada angereist ist und diesen in einen Baum vor der Eremitage krachen liess), Pavel Pepperstein (mit seinen alarmierenden - in diesem Herbst so aktuellen - Visionen von Europa und Russland), Thomas Hirschhorn (der echte Avantgarde-Gemälde in gefakte Interieurs von Kommunalwohnungen eines zerstörten Hauses hängte), Bruce Nauman (der sein leeres Studio zeigt), Wael Shawky (mit einer von alten Marionetten gespielten Kreuzrittergeschichte) und Timur Novikov (einer ikonischen Persönlichkeit in der St.Petersburger neoakademischen Bewegung) sind in einem Ausstellungsraum versammelt, der einem gediegenen Bürogebäude im Empire-Stil nachempfunden ist und problemlos noch ein weiteres Duzend Installationen beherbergen könnte.
Die Ausstellung ist gelungen, doch vermittelt gleichzeitig den Eindruck eines Gratisangebots oder einer Mahlzeit in einem gehobenen Restaurant, das man aufsucht, um etwas Neues zu probieren, nicht um satt zu werden. Darum sollte man unbedingt auch das im Kadetten Corps auf der Vassilievsky Insel lokalisierte Parallel Programm besuchen - eine der vierzig in der Stadt verstreuten Ausstellungslokalitäten. Hier findet sich die neue ‹Federal Exhibition of Contemporary Art Design Achivements›. In dieser Schau wetteifern unterschiedliche Künstler/innen aus allen Regionen Russlands im Bemühen, ihre Vorstellungen des Zeitgenössischen zu formulieren und vom professionellen Manifesta-Publikum und den Kuratoren wahrgenommen zu werden. Die meisten von ihnen konzipieren verständliche, trendige, handliche Objekte - zukünftige Samen für den internationalen Kunstbetrieb.
Hier erkennen wir die Diskrepanz zwischen zwei Ambitionen: Die Manifesta-Kuratoren versuchen, dem lokalen Publikum mit einem breit gefächerten Vermittlungsprogramm die Ausstellung näherzubringen, während die russischen Künstler/innen zeigen möchten, wie aktuell sie sind - dies sind die in zwei unterschiedliche Richtungen fliegenden Pfeile, die sich nur per Zufall treffen können. Doch hoffen wir diesbezüglich das Beste. Egor Larichev
Egor Larichev ist freier Kurator und Autor und lebt in Moskau.


Bis: 31.10.2014



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Ausgabe 10  2014
Ausstellungen Manifesta 10 [28.06.14-31.10.14]
Institutionen State Hermitage Museum [St. Petersburg/Russland]
Autor/in Egor Larichev
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