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Besprechung
10.2014


Patricia Grzonka :  Diese Biennale ist keine muskelprotzende Leistungsschau der Superbauten und Stararchitekten. Stattdessen umkreisen die Hauptausstellungen stoffreich und anregend grundlegende ­Aspekte von Architektur. Auch viele nationale Pavillons überzeugen, der Schweizer Beitrag gehört nicht dazu.


Venezia : 14. Architekturbiennale Venedig - Archäologie der Gegenwart


  
links: Adrian Paci · The Column, 2014, Architekturbiennale Venedig, Albanischer Pav. Foto: D. Sisto Legnani Werk mit Videoprojektion und Marmorsäule. Das Video zeigt die Transformation eines Marmorblocks in eine korinthische Säule. Die Säule als universelles architektonisches Element ist das Produkt einer Gruppe von Arbeitern, die, staubbedeckt, zu einer Erweiterung der Skulptur werden. Die fertige Säule bleibt losgelöst von ihrem Kontext liegen, in einem Stadium der Impotenz, Spannung und Potentialität.
rechts: Lucius Burckhardt and Cedric Price · A stroll through a fun palace, 2014, Architekturbiennale Venedig, Schweizer Pavillon, kuratiert von Hans Ulrich Obrist, Courtesy Swiss Arts Council Pro Helvetia


Die eindrücklichsten Pavillons auf dieser Architekturbiennale sind die am Rande: Weg vom Zentrum der Aufmerksamkeit in den Giardini wagen sie «ungesicherte» Statements als Blicke auf eine hybride Baukultur ihrer Nation. Neuseeland zum Beispiel verweist auf südpazifische Holzbauweisen und Maori-Traditionen, die sich mit moderner Architektur verschränken.
Viele Staaten - einige von ihnen erstmals dabei - überraschen mit sorgfältigen Präsentationen. Die Türkei widmet sich der Geschichte öffentlicher Plätze in Istanbul, Argentinien zeigt modernistische Architektur im Wechselspiel mit dem südamerikanischen Kino und Albanien bringt mit einem symbolhaften Film Adrian Pacis und verwunschenen Malereien von Edi Hila zwei Künstler auf die Architekturbiennale.
Diese Biennale ist in vieler Hinsicht eine der Neuerungen: Nicht nur ist die Laufzeit erstmals an die ältere Kunstbiennale angeglichen, der holländische Architekt und Hauptkurator, Rem Koolhaas, erhob mit ‹Absorbing Modernity› ein übergreifendes Leitthema, das diesmal auch die Kuratoren der Länderpavillons aufgriffen. Viele verzichten darauf, einen Leistungsüberblick ihrer Architekturavantgarden zu präsentieren. Deutschland etwa versucht in einem smarten, akrobatischen Denkakt den historisch belasteten Pavillon mit dem deutschen Kanzlerbungalow in Bonn zu «vereinen». Frankreich baut seine Modernekritik rund um ein Modell der techno-futuristischen, aber letztlich seelenlosen Villa aus Jacques Tatis Film ‹Mon oncle› von 1958 und Russland bietet eine fiktionale Messe als überbordendes soziales Spektakel.
Nur im Schweizer Pavillon hat der Kurator Hans Ulrich Obrist das Pferd irgendwie am falschen Ende aufgezogen. Unter Beteiligung von zahlreichen illustren Künstlern, Architekten, Theoretikern sowie namenlosen Studierenden stellt er mit dem Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt (1925-2003) und dem englischen Architekten Cedric Price (1934-2003) zwei singuläre, kritische Figuren der jüngeren Architekturgeschichte in einem «Denklabor» zur Diskussion. Doch die Delegierung der kontextualisierenden Vermittlung an eine Armada geladener Gäste, die beim zweitägigen Gesprächsmarathon während der Eröffnung sprachen, reicht in diesem Fall nicht, um die Positionen der beiden Protagonisten vorzustellen. Die Frage, welche Motivation hinter der Zusammenspannung dieser beiden nur ganz vage als «Visionäre» Charakterisierten stünde, blieb jedenfalls wortreich unbeantwortet.

Bis: 23.11.2014



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Ausgabe 10  2014
Ausstellungen 14. Architekturbiennale [07.06.14-23.11.14]
Institutionen Giardini [Venedig/Italien]
Autor/in Patricia Grzonka
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