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Besprechung
10.2014


 Im Kunstmuseum für aussereuropäische Kulturen in Zürich ­haben sich 21 namhafte Schweizer Künstler/innen mittels Installationen, Interventionen, Theater und Literatur dem Fremden und Andersartigen verschrieben. Grundfragen nach Umgang mit Exotik und dessen Wahrnehmung sind ihre Triebkräfte.


Zürich : Gastspiel im Museum Rietberg - Infiltrieren und Irritieren


  
pulp.noir · Beam me up, 2014, Ausstellungsansicht. Foto: Thomas Fischer


Anfang des 20. Jahrhunderts inspirierte sich die künstlerische Avantgarde an aussereuropäischer Kunst, und dies mehr durch eigene Projektionen als durch direkte Anschauung. In der aktuellen Ausstellung im Rietberg Museum spricht Gastkurator Damian Christinger von einer Liebesgeschichte und einem respektvollen Dialog zwischen Kunstschaffenden und Artefakten der Rietbergsammlung. Im Eingang des Glaspavillons begrüssen frech grinsende Hasen auf der immensen Fotografie ‹Easter Bunnies› von Olaf Breuning. Die ironische Verfremdung der berühmten Steinfiguren auf der von Europäern eroberten Osterinsel konfrontiert uns leitmotivisch mit der Konstruktion von Exotik. Weiter stossen wir in der Villa Wesendonck auf die ungewohnte, weil gleichberechtigte Inszenierung von Skulpturen aller Kulturen. Dort durchfliegt man im Raumschiff Enterprise mit den von überlagerten Bildern beschienenen Protagonisten Tirthankara und einer anderen Gottheit aus Ozeanien Kontinente und Zeiten. Die Klang-Video-Installation ‹Beam me up› der Gruppe pulp.noir verwandelt Bilder von Elefantenohren fast unbemerkt in Schmetterlinge, deren ausgespannte Flügel zu einer Satellitenstation mutieren. Sphärische Musik durchdringt den Raum. Literarische Splitter wie «Oh! that wonderful world of adventures!» lassen aufhorchen und das globale Surfen hinterfragen.
Stefan Burger greift mit lakonischen Setzungen von Gebrauchsgegenständen wie Toiletteneimer, Duschgel oder Frotteewäsche in die Vitrinen mit der wertvollen Meiyintang Collection chinesischer Keramik ein. In ‹zwanghafte Ersatzhandlungen mit Gewölle› evoziert er so persönliche Geschichten, die in der auratisierten Präsentation untergehen, und regt zugleich den Diskurs über die zwei wichtigen Museumstränge des Sammelns und Bewahrens hinaus an. Auch Naomi Leshem beschäftigt sich mit Entkontextualisierung - am Beispiel der Guanyin-Göttin, einer buddhistischen Figur, die zur Erleuchtung verhilft. In der Fotografie ‹Der Mensch erschafft seinen Gott› wird diese Funktion überdeutlich und kippt ins Esoterische: Die Göttin thront in goldenem Licht vor einem dekorativen Wandteppich. Davor steht im Raum ein gläserner Pfahl, bei dem man Wünsche deponieren kann. Auch in den Videos von Yves Netzhammer im Schaudepot, dem mimetischen Ambiente von Lutz & Guggisberg in der Ozeanienabteilung und den berückenden Projektionen von Pipilotti Rist erweist sich die persönliche Begegnung mit dem Fremden als intelligent genutzte Chance.

Bis: 09.11.2014



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Ausgabe 10  2014
Institutionen Museum Rietberg [Zürich/Schweiz]
Link http://www.rietberg.ch/gastspiel
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