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Besprechung
10.2014


Feli Schindler :  Zwei Mickey-Mäuse knutschen einander bis zum bitteren Showdown ab. Wie Kampfzonen sowohl das Private als auch die Polit­bühnen der Welt beherrschen, zeigen vier Künstler/innen im Kunstraum Baden. Dass diese todernste Sache mit humoristischem Unterton angegangen wird, ist gewagt - und reizvoll.


Baden : ‹Warzone Peace› - Leise Bilder, ohne Säbelrasseln


  
Daniela Keiser · Donnerstag, 2013, Collage, Inkjet-Prints auf Zeitung, 48,3x32,9 cm, Courtesy Stampa, Basel


Wenn zwei sich streiten, lacht der Dritte: Ein Männlein und ein Weiblein mit nacktem Oberkörper und Mickey-Mouse-Maske über dem Kopf knabbern aneinander und quietschen, dass es eine Wonne ist. Wie sich die beiden Latexnase und Kinn wegschmatzen, wirkt im ersten Moment urkomisch. Man lacht, auch wenn das Ganze langsam kippt. Jetzt reisst der Mäuserich der Partnerin die Maske vollends vom Kopf. Ende, aus. Alles beginnt wieder von vorne. Kampfzone Ehe im Disneyland.
Die in Wien lebende Russin Anna Jermolaewa (*1970) startet mit dem Videoloop ‹Kiss› eine witzige Charmeoffensive zu einer todernsten Sache. ‹Warzone Peace› heisst die Schau im Kunstraum Baden, die von Beziehungskisten und anderen Schlachtfeldern berichtet. Zum Jubiläum des Badener Friedensabkommens von 1714 fächert Kunstraumleiterin Claudia Spinelli in einer klug inszenierten Schau das gros­se Thema ‹Krieg und Frieden› auf. Dabei dominiert nicht lautes Säbelrasseln oder Düsternis. Viel mehr herrschen leise - und phasenweise gar humoristische - Töne vor.
Eric Hattan (*1955) zeigt in der Installation ‹Beyroots› abgewrackte Stühle, denen er Betonfundamente verpasst. Ein komischer Anblick, wüsste man nicht, dass das Mobiliar aus den Strassen Beiruts stammt. Die Sessel, die der Künstler in der libanesischen Hauptstadt zusammengesucht hat, erinnern an die Menschen vor Ort und an ihre seelischen und physischen Blessuren. Eine sehr berührende Arbeit. Daniela Keiser (*1963) wiederum setzt die Tatsache, dass Krieg und Frieden oft an Konferenztischen ausgemacht werden, mit Fotos aus der Tagespresse um. Seit vier Jahren sammelt sie Zeitungsseiten, spiegelt deren Aufhängerfotos kopfüber und unterlegt sie mit weissem Papier. Wo Barack Obama, Baschar al-Assad oder andere hemdsärmelige Regierungsvertreter an runden Tischen sitzen, entstehen prachtvolle Collagen. Die schiere Masse bildgewordener Diplomatengespräche tarnt sich hinter verführerischem Dekor und mächtigem Mobiliar. Weisse Flächen lassen an Zensur denken. Und wo von «disziplinierter Demokratie» die Rede ist, meinen die Potentaten klar den Krieg. Andreas Hagenbach (*1964) präsentiert schliesslich in einer Dia-Installation Bilder von verlassenen Konzentrationslagern, verlotterten Kirmesplätzen und endlosen Gräberfeldern. Melancholie legt sich über den Kunstraum.

Bis: 02.11.2014



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Ausgabe 10  2014
Ausstellungen Andreas Hagenbach, Eric Hattan, Anna Jermolaewa, Daniela Keiser [03.09.14-02.11.14]
Video Video
Institutionen Kunstraum Baden [Baden/Schweiz]
Autor/in Feli Schindler
Künstler/in Anna Jermolaewa
Künstler/in Daniela Keiser
Künstler/in Andreas Hagenbach
Künstler/in Eric Hattan
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