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10.2014




Baden : Modell und Utopie


von: Feli Schindler

  
links: Regula Dettwiler · Superweed 1, 2014, Pflanzen­collage, ca. 2,4x2 m
rechts: Pascal Danz · Eliezer und Rebekka am Brunnen (nach Nicolas Poussin), Detail, 2014, 14 Figuren, Gipskeramik, je 30 cm hoch, Installationsgrösse variabel ©ProLitteris


In der Bäderstadt räblets. Nicht nur wegen unschicklicher Geschichten im Stadthaus, sondern weil keine zwanzig Meter davon entfernt die Welt auch sonst ein bisschen aus den Angeln gehoben wird: Im Trudelhaus Baden zeigen 22 Künstler, wie sie mit Modellen mögliche oder auch nur angedachte Paralleluniversen schaffen. Bunt gemischt und auf drei Etagen verteilt macht sich in der von Esther Amrein, Andrina Jörg und Sadhyo Niederberger sorgfältig kuratierten Schau ‹Modell und Utopie› Erfindergeist breit. Denn wo sich exakte Wissenschaft mit Kunst paart, sind auch utopische Lebensentwürfe nicht mehr fern.
Gut fassbar ist das, wenn man sich Regula Dettwilers künstlich komponierte Baumblätter oder Christine Hunolds explosive, farbveränderte Einzeller vor Augen führt. Manipulierte Natur muss nicht immer hässlich sein.
Wenn aber Sonja Kretz einen Esel aus Pappe zum Galgen führt und Rolf Winnewisser mit dem Floss der Medusa an kannibalistische Überlebenskämpfe in überfüllten Booten erinnert, wird es schon eher ungemütlich. Erst recht radikal mutet der Selbstversuch von Alexandra Meyer an, die sich Blut abzapft, und aus dem gewonnenen und geronnenen Saft eine pralle Blutwurst fabriziert. Welternährungs-Utopie der krassen Art und ziemlich keck.
Michael Günzburger wiederum komponiert auf einem nackten Frauenkörper ein Sternbild, das sich von Leberfleck zu Leberfleck zieht. Der Künstler weckt Männerphantasien und liefert sozusagen subkutan einen ironischen Kommentar dazu: ‹Glückliche Fügung› nennt er die schöne Galaxie. Körperkunst und ein filmisches Kabinettstückchen zeigt auch Saskia Edens: Mit der Spritzpistole malt sie sich Venen und Arterien auf ihren blassen Körper, als würde sie mit dem performativen Akt die Anatomie neu erfinden.
Schliesslich stellt Pascal Danz die mit 3-D-Printer mehrfach kopierte Figur eines Migranten namens Benj auf die Bühne. Nach dem Vorbild von Nicolas Poussins ‹Rebekka am Brunnen› reinszeniert der Künstler Szenen der Barmherzigkeit und transferiert diese ins Migrationszeitalter. Das reale Happyend übertrifft übrigens die Fiktion: Benj, der Sans-Papier, soll mittlerweile Aufenthaltsstatus erhalten haben und heute ganz legal in der Schweiz arbeiten. Fazit: Utopien platzen oder eben nicht. Am trefflichsten veranschaulicht dies Anselmo Fox mit seiner beatmeten Kaugummiblase. Dass das witzige Objekt die Ausstellung überdauert, hofft man doch sehr.

Bis: 12.10.2014



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Ausgabe 10  2014
Ausstellungen Modell und Utopie, 22 Positionen [05.09.14-12.10.14]
Institutionen TRUDELHAUS Ausstellungsraum [Baden/Schweiz]
Autor/in Feli Schindler
Künstler/in Regula Dettwiler
Künstler/in Pascal Danz
Künstler/in Michael Günzburger
Künstler/in Andrina Jörg
Künstler/in Sadhyo Niederberger
Künstler/in Esther Amrein
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