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Hinweis
10.2014




Genève : Trop humain


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Lida Abdul · White House, 2005, 16-mm-Film/DVD, 5'00' (Still), Court. Giorgio Persano, Turin
rechts: Alfredo Jaar · Magdalena Abakanowicz, Bernard Buffet Erro und Edouard Pignon (v. l. n. r. ) · Trop humain, 2014, Ausstellungsansicht, MICRCR. Foto: Marc Gentinetta


Reihen von Skulpturen aus Jute und Gips, die Menschen erahnen lassen, ausgeweidet und auf eine miserable Haut reduziert, die jedoch über der Leere nicht in sich zusammenfällt, sondern sich aufbäumt, aufbäumt gegen das Verdrängen des unerträglichsten allen Leids - des Leids, das der Mensch im Stande ist, dem Menschen zuzufügen, massenhaft.
Dieses erschütternde Bild geht auf die 1930 in der Nähe von Warschau geborene Abakanowicz zurück. Sie zählt zu den engagierten Kunstschaffenden, die vor dem grossen ästhetischen Dilemma nicht kapituliert haben: Nämlich dem von der griechischen Dichtung ererbten Bewusstsein, dass sich jedes Gedächtnis nur erhält, wenn es Kunst gebiert, und der von der modernen Semiotik gezeitigten Erkenntnis, dass damit jede authentische Erfahrung unter dicke Schichten kultureller Referenzen und Konnotationen gerät. Das Musée international du Croix-Rouge et du Croissant-Rouge hat nun, beraten vom Mamco, 31 derart Unentwegte aus zehn Ländern zusammengeführt, um mit ihnen seinen neuen Raum für Sonderschauen einzuweihen.
Mit Bourgeois, Schütte und Walker sind zwar auch Positionen vertreten, die eher für das Leid durch einen systematischen Machtmissbrauch in Bezug auf Alter, Geschlecht, Klasse, Rasse oder auch Ruhm stehen - selbst in Friedenszeiten. Die Mehrheit der versammelten Kunstschaffenden hat jedoch wie Abakanowicz ein Monument geschaffen, das die Erinnerung an die Männer, Frauen und Kinder wachhält, die in den Kessel einer der grossen Tragödien der Menschheit der letzten hundert Jahre geraten sind. Während Buffet oder die Chapman Brothers mit ihrem eingefahrenen Stil und universalen Ansatz trotz konkreter (kunst-)historischer Bezüge dabei in der Groteske landen, erweisen sich die weniger bekannten Golub und Getman neben dem Aufschrei über die Schützengräben von Dix oder Picassos Anklage der Bombardierungen von Guernica als ebenbürtige Ikonographen der Traumata, die durch den amerikanischen Imperialismus bzw. den russischen Totalitarismus ausgelöst worden sind. Besonders betroffen machen die heutigen Künstler/innen, die sich auf die Seite der Opfer der postkolonialen Konflikte in Afrika und Asien stellen. Als Hoffnungsfunke erweist sich dabei das geniale Video der 1973 in Kabul geborenen Lida Abdul, in der eine Frau die Ruinen eines Hauses geduldig weiss tüncht und zuletzt auch noch den Mann, auf den sie darin stösst. Hier geht es angesichts des allerschlimmsten Leids nicht primär um die Kapazität der Kunst, Gedächtnis zu etablieren, sondern darum, mittels ihrer Kraft Wunden schöpferisch und besonnen zu verwandeln.

Bis: 04.01.2015



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Ausgabe 10  2014
Ausstellungen Allzu menschlich [07.05.14-04.01.15]
Institutionen Musée Croix-Rouge et Croissant Rouge [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
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