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10.2014




Winterthur : Johann Besse, Cyril Porchet


von: Claudia Jolles

  
links: Johann Besse · Pan 105, 2012, 90x76 cm
rechts: Cyril Porchet · Crowd (Corsa dei Ceri), 2013, 125x160 cm


Was haben Plattenbauten mit barocken Kirchen und wogenden Menschenmassen zu tun? Der Kontrast zwischen den monotonen Fassaden und den überbordenden Innenräumen könnte nicht grösser sein. Und doch scheinen sie auf einer unterschwelligen Ebene verwandt. Dies lässt die Gegenüberstellung der Arbeiten von Johann Besse (*1977) und Cyril Porchet (*1984) deutlich werden. Beide sind ECAL-Abgänger und umkreisen in mehrjährigen fotografischen Recherchen Ausprägungen sozialer, ideologischer und politischer Macht. Sie zeichnen auf, wie ein formales Element oder ein Mensch Teil eines von unsichtbaren Gesetzen gesteuerten grösseren Ganzen wird. So richtet Johann Besse ein spezielles Augenmerk auf periphere, urbane Zonen. Er liebt die brutale Monumentalität grosser Bauensembles und durchpflügt seit vier Jahren den ehemaligen Osten Europas nach Plattenbauten (Pans) aus der DDR-Zeit. Diese lichtet er immer frontal zentriert ab. Alle narrativen Elemente retouchiert er weg, minimale Unterschiede zeigen sich nur in kleinen Unregelmässigkeiten, heruntergefallenen Platten oder verblichenen Wandmalereien. Doch gerade in dieser seriellen Reihung und in ihrer Hermetik werden die Fassaden zu Projektionsflächen, laden uns dazu ein, sich die hier wohnenden Menschen und ihren Alltag vorzustellen - in einem ideologisch gelenkten Staat, der keine Individualität duldet, der alles Spontane, Menschliche zum Verschwinden bringt. Was bleibt, ist eine auf Äusserlichkeiten, auf billige Muster, abblätternde Farbe reduzierte Hülle.
Auch Cyril Porchet verfolgt seine Themen mit beeindruckender Konsequenz. Für die Serie ‹Séduction› fotografiert er seit 2009 barocke Kirchenräume in Bayern, Andalusien und Südamerika. Die Aufnahmen wirken ebenso verführerisch wie ernüchternd. So bannt er den Trompe-l'oeil-Effekt der üppigen Innenräume in die Fläche und entlarvt ihren schwindelerregenden Sog als illusionistischen Trick. Für die parallel entstandenen ‹Crowds› reiste er durch ganz Europa. Am jährlichen Fest San Fermin in Pamplona fotografierte er bspw. die Menschenmassen in den belebten Gassen, durch welche jeweils sechs Kampfstiere in die Arena getrieben werden. Und anlässlich der ‹Corsa dei Ceri›, einem Wettlauf zu Ehren zweier Stadtheiligen richtete er den Sucher auf das Gewimmel von Läufer/innen, die in Gubbio Jahr um Jahr durch die Strassen drängeln. Auf beiden Aufnahmen verliert sich der Einzelne in einer wabernden Masse, wird zur Zelle in einem amorphen fliessenden Organismus, gelenkt von unsichtbaren Kräften. Wie bei den Plattenbauten von Besse schimmert auch hier eine unterschwellige Gesetzmässigkeit, eine Syntax durch, die der Einzelne nicht durchschauen und der er sich nicht entziehen kann. Kuratorin: Katri Burri.

Bis: 11.10.2014



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Ausgabe 10  2014
Ausstellungen Johann Besse, Cyril Porchet [22.08.14-11.10.14]
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Institutionen COALMINE Forum für Dokumentarfotografie [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Cyril Porchet
Künstler/in Johann Besse
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