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Fokus
11.2014


 Datenströme sind sein Material. Daraus komponiert er minimalistische elektronische Musik, inszeniert immersive Klanginstallationen. Ryoji Ikeda reagiert auf Räume, verleiht ihnen Klang, tourt durch die Welt und will doch hinter seinen Werken verschwinden. So auch im HeK/Haus der elektronischen Künste Basel.


Ryoji Ikeda - Überwältigende datramatische Erfahrungsräume


von: J. Emil Sennewald

  
links: Ryoji Ikeda, test pattern (live set), audiovisuelle Performance, 2008, Computergrafik, Programmierung: Tomonaga Tokuyama. Foto: Liz Hingley
rechts: Ryoji Ikeda, data.tron, audiovisuelle Installation, 2007, Courtesy of YCAM. Foto: Ryuichi Maruo


Ein spätsommerlicher Tag in Paris, die Strassen im Goutte d'Or voller Menschen, Motorroller knattern durch die enge Strasse, hinter einer unscheinbaren Metallpforte liegt eines der Ateliers der Stadt Paris, geräumig, ohne Komfort, ohne Blick auf die Stadt. Im Hinterhof lärmen Schulkinder, auf einem langen Tisch stehen Computer. Er teile das Atelier mit jungen Architekt/innen und Künstler/innen, erklärt Ryoji Ikeda. Mit ihnen plaudere er, wolle wissen, was sie bewegt.
Oft kommt das nicht vor. Ryoji Ikeda tourt viel. Seit er mit seinen ersten Alben Ende der Neunzigerjahre weltweit Erfolg hatte, wird er zu Konzerten, Ausstellungen, Festivals eingeladen. Zuletzt in die DHC/ART Foundation for Contemporary Art in Montréal oder in den Lieu Unique in Nantes, demnächst mit der audiovisuellen Installation Test Pattern auf den New Yorker Times Square oder zur Eröffnung vom HeK in Basel, seiner ersten Einzelausstellung in der Schweiz.

Datramatisch
Ryoji Ikeda, inzwischen gefeierter Star für elektronische Musik, gilt als Vorreiter einer Kunst, die Datenrealitäten erlebbar macht. Seine Werkgruppen umfassen Installationen aus Monitoren in Sockeln, ‹data.scan [no1-9]›, 2011; lange Friese aus Computerlochkarten, ‹Systematics›, 2012; Abmischungen von gestreamten Bildern zu audiovisuellen Konzerten, ‹C4I›, 2004-06. Berühmt sind seine überwältigenden Inszenierungen, wie die hundert Meter lange Version von Test Pattern auf der Ruhr-triennale 2013 oder Transfinite auf der Park Avenue Armory in New York 2012. Dramaturgische Übersetzungen von Bits aus weltweiten Datenströmen in Klänge und Licht, geometrische Formen, diagrammatische Figuren. Man spürt seine Wurzeln im technikkritischen Theater des Kyotoer Multimediakollektivs Dumb Type, von deren basisdemokratischem Ansatz er sich jedoch distanziert. Er entscheidet allein, wie er mit datramatischen Räumen audiovisuelle Frequenzen Ohren, Augen, den ganzen Körper durchdringen lässt. Manche Bilderfolgen erinnern an minimalistische Vorläufer wie Philip Glass' ‹Koyaanisqatsi›, 1983. Doch Ikeda geht es, wie in ‹Superposition›, 2012 erstmals mit Performer/innen auf der Bühne realisiert, um Überlagerung von Körpern, Daten, Sound, um ein Aufgehen in der Informationsgestalt, nicht um deren Vorführung - ein Wagner des Datenstroms, Dompteur unsichtbarer numerischer Realität?
Ikeda winkt ab: «Ich bin Künstler und mache bloss Kunst, das ist alles. Vor allem bin ich Komponist. Daten sind mein Material. Information ist eine unsichtbare Seinsform, die viel Material braucht: Kabel, Halbleiter, Bildschirme, Arbeitskräfte, Gebäude.» Aber er wolle nicht über seine Kunst reden, die müsse man erleben. Kunst leicht verdaulich nachzuerzählen, davon hält er nichts. Interviews lehnt er meist ab: «Ich will nicht wie ein Rockstar gefeiert werden, will am liebsten hinter meiner Arbeit verschwinden.» Das lockt die Medien: «Ich halte das aus, weil ich es sehr wichtig finde, dass die Menschen möglichst unbeeinflusst die Erfahrung meiner Arbeit machen. Würde ich sagen, was sie zu erwarten haben, nähme ich ihnen diese Freiheit.»

Grenzerfahrung
Freiheit ist ein wichtiger Begriff im Universum von Ikeda. Als Autodidakt habe er keine akademische Basis, «aber auch nichts zu verlieren». Ausprobieren, Austausch mit anderen Disziplinen, viel Lektüre prägen sein Vorgehen. Wie der zehn Jahre ältere Carl Michael von Hausswolff dringt er in Grenzbereiche vor, schafft mit dem körperlichen Erleben von Sound neue Erfahrungsräume. Anders als Hausswolff richtet Ikeda, der ab 1990 als DJ gearbeitet hat, statt auf die Apparate der Kommunikation den Fokus auf Mathematik: «Euklid liest sich wie ein Gedicht. Logik ist voller Schönheit.» Schon James Joseph Sylvester nannte im 19. Jahrhundert Mathematik die «Musik der Vernunft». Korrekte Berechnung sei für ihn sehr wichtig, betont Ikeda, «es muss genau sein. Dort finde ich eine Schönheit, die ich respektiere, zum Komponieren nutze.» Das gelungene Ergebnis sei «clean», «inhuman»: «Das Resultat ist alles.»
Wenn er live hinter dem Pult steht, oben, auf der Empore, wirkt Ikeda bisweilen wie ein Kontrolleur, der seine Hörer lenkt, wenig Raum für kritische Distanz lässt. Erfahrung solle, erklärt er, Wahrnehmung erschüttern. Nach einer Grenzerfahrung denke man anders über die Welt nach. Für seine Kompositionen schliesst der Künstler demokratische Partizipationsidylle aus, wie man sie in interaktiver Netz- oder Computerkunst finden kann. Media- oder Net-Art sei bereits von der Technologie überholt, die sie künstlerisch zu bearbeiten versuche.
Ikeda sucht das Gespräch mit Wissenschaftlern, war im Genfer CERN zu Gast, wird dort, als Gewinner des Prix Ars Electronica Collide@CERN 2014, eine weitere Residenz antreten. Für ihn «ein utopischer Ort», dessen Grundlagenforschung selbst Kunst sei, ohne utilitaristischen Nutzen, der gleich verwerten will. Ikeda interessiert Wissenschaft dort, wo sie der Kunst am nächsten ist, frei ausprobiert, Öffnungen ins Sein stösst. Das klingt nach dem viel zitierten spekulativen Realismus, den der Philosoph Alain Badiou in die Formel «Mathematik = Ontologie» fasste. Es gebe so viele Referenzen, seufzt Ikeda, aber auch diese seien nur Paravents, schirmten die Erfahrung seiner Arbeit ab. Mathematik, besonders deren reine Variante allerdings, muss man ihm entgegenhalten, ist per se ein geschlossenes System aus logischen Sätzen. Ohne Fenster. Gerade die Geschlossenheit garantiert unumstössliche Wahrheit. Ikeda lächelt. Wahr seien mathematische Sätze auch ohne den Menschen.

in situ
Ganz so abgeschlossen ist Ikedas Elektronik-Monade dann aber doch nicht. Als er von der Wichtigkeit der Intuition spricht, tut sich ein Fenster auf: «Wenn ich einen Raum betrete, fliessen unzählige Informationen durch mich hindurch.» Das bestätigt Sabine Himmelsbach, Direktorin vom HeK. Neben Werkgruppen von Ikeda wird in situ Produziertes gezeigt, für das der Künstler intensiv vor Ort gearbeitet habe. Wie geht er genau vor? «Ich fühle den Raum, treffe dann sehr schnell intuitiv Entscheidungen.»
Bis zur Umsetzung gibt es mehrere Etappen der Übersetzung. Eine der wichtigsten ist die Zeichnung. Ganz herkömmlich, mit Papier und Bleistift: «Skizzen, Entwürfe, Konstruktionszeichnungen, wie bei Architekten.» Das findet sich in den Resultaten wieder, grafische Spuren von Codes und Apparaten prägen Ikedas Ästhetik. Wie bei ‹Cyclo›, dem Forschungsprojekt zum Sichtbarmachen von Klang, an dem er seit 2000 mit Carsten Nicolai arbeitet. Wenn man seine Ästhetik auf einzelne Nenner bringen wolle, sagt Ikeda dann doch, wären das Eleganz, Einfachheit, Ökonomie, Gleichgewicht, das wiederum zu einer Schönheit führe, einer gewissen Erhabenheit.
closed shop
Das Unerreichbare des Sublimen, Kants Erhebung über bloss Sinnliches - glaubt der Japaner an den «Geist in der Maschine»? Wieder lächelt Ikeda. «Nein. Wozu überhaupt künstliche Intelligenz? Es gibt so viele Menschen.» In einem anderen Sinne sei die Frage interessant, in Bezug auf die Objekten eigene Realität: «Computer müssten eine kritische Masse erreichen, von der sie noch weit entfernt sind. Vielleicht kommt der Quantencomputer der Schwelle näher.» Hinter ihr könnten die Maschinen unter sich bleiben - mit kleinem Schauer tauchen Visionen von James Camerons ‹Terminator› oder William Gibsons ‹Neuromancer› auf. Das Selbstbewusst-Werden der Maschinen ging für die Menschen nie gut aus. «Die Arbeit, die zu dir spricht, tut das, weil sie dich reflektiert wie ein Spiegel, du siehst dich darin», erklärt Ikeda. Fast ein Zitat aus Novalis' ‹Lehrlinge zu Sais›.
Ein neoromantischer Konzeptueller ist er trotzdem nicht. Ikeda sucht Begegnung, will andere kennenlernen. Seine raren Vorträge nutzt er als closed shop: Teilnehmen dürfen nur Leute bis zu einem bestimmten Alter, «beispielsweise 29. Das schliesst meist schon mal die Direktoren aus». Wenn der Raum voll ist, gehen die Türen zu, es darf nicht gefilmt, nicht aufgenommen werden. Nach ersten Fragen zur Arbeit lockern sich die Leute sehr schnell, es wird ein Gespräch auf gleichem Niveau. Über Kunst, Dasein, das Überleben als Künstler/in. Programmatisch: Um sich von Zwängen der Kulturindustrie und institutionalisierter Kunst zu befreien, schafft Ikeda einen geschlossenen Raum, in dem man sich ungezwungen dem klanglichen Overdrive aussetzt - und vielleicht neue Öffnungen ins Reale findet. Hier tendiert Ryoji Ikedas berechnete Kunst zum ursprünglichen griechischen Wortsinn für Mathematik: «Kunst des Lernens».
J. Emil Sennewald, Kritiker, publiziert von Paris aus zu aktueller Kunst und ihrem Betrieb, unterrichtet als Professor für Philosophie an der École supérieure d'art de Clermont Métropole. Emil@weiswald.com




Bis: 29.03.2014


Ryoji Ikeda (*1966, Gifu, Japan) lebt in Paris und Kyoto

seit 1990 Arbeit als DJ
seit 1994 Arbeit mit dem Multimediakollektiv Dumb Type

Einzelausstellungen
2013/14 Fundacion Telefonica, Madrid
2013 Wood Street Galleries, Pittsburgh; FRAC Franche-Comté, Besançon
2012 DHC/ART, Montréal; Kraftwerk, Berlin; Hamburger Bahnhof, Berlin
2011 Park Avenue Armory, New York



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Ausgabe 11  2014
Ausstellungen Ryoji Ikeda [22.11.14-29.03.15]
Video Video
Ausstellungen Open Museum, Open City [24.10.14-30.11.14]
Ausstellungen Logical Emotion [02.10.14-11.01.15]
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Institutionen HeK Haus der elektronischen Künste Basel [Basel/Münchenstein/Schweiz]
Institutionen MAXXI Museo Nazionale delle Arti del XXI Secolo [Rom/Italien]
Institutionen Museum Haus Konstruktiv [Zürich/Schweiz]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Ryoji Ikeda
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