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Fokus
11.2014


 Die Kunst soll ihre Kompetenz bei der Suche nach einer zukunftsfähigen Gesellschaft einbringen. Sie soll sich als forschender Lernprozess und Transformationsenergie verstehen und disziplinübergreifende Lösungen möglich machen. George Steinmann beschäftigt sich mit Biotechnologie, Umweltethik und Wasserhygiene, aber auch mit der Schönheit, und was sie bewirken kann. Seine Anliegen trägt er in Zeichnungen, ausladenden Installationen, Vorträgen und Hüttenprojekten vor. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Thun gibt Einblick in das vielfältige Werk des Berner Künstlers und Bluesmusikers.


George Steinmann - Vernetzungen und Behausungen für die Zukunft


von: Brita Polzer

  
links: Komi. A growing sculpture, 1997-2007, Installation, Mixed Media, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Thun, 2014 ©ProLitteris. Foto: Dominique Uldry
rechts: ‹Dialektischer Körper›, 2014, in Zusammenarbeit mit Jost Kutter, aus ‹Mittendrin am Rande›, 2012-, ­Visualisation für die begehbare Skulptur als «dialektischer Körper» auf der Insel Vilm.


Über zwei Räume breitet sich ‹Komi. A growing scultpure›, 1997-2007, aus. Die Arbeit beschäftigt sich mit der russischen Teilrepublik und dünnbesiedelten Taiga-Region Komi, in der sich die grössten, heute noch existenten, zusammenhängenden Urwaldgebiete Europas befinden. Zusammen u.a. mit der DEZA, der Direktion für Zusammenarbeit und Entwicklung, und der lokalen Bevölkerung entwarf Steinmann eine «wachsende Skulptur», die sich vor Ort in Form eines Zentrums für nachhaltige Forstwirtschaft im Modellforst von Priluzje zeigt. Disziplinübergreifend sollen hier Möglichkeiten zur Rettung der vor allem durch die Forstwirtschaft gefährdeten Wälder gefunden werden. «Der grosse Druck, dem dieses Gebiet seitens der Forstindustrie ausgesetzt ist, war die Motivation meines Kommens», sagt Steinmann.

Wissenschaftlich-poetische Schwingungsfelder

Raumgreifend veranschaulicht die Installation im Thuner Kunstmuseum des Künstlers zehnjähriges Interesse an einer fernen Region, die wohl kaum einer der Ausstellungsbesuchenden kennt. Kleine, aus Baumrinde gebastelte Dinge werden gezeigt, Flechten und Holzstücke, getrocknete Pilze und Beeren. Teilweise in Heidelbeersaft getauchte Fotos (Heidelbeeren sind Heilpflanzen) dokumentieren karge Landschaften oder dürre, ineinandergewachsene Wälder. Schriftstücke, Landschaftskizzen und Zeichnungen liegen aus, zudem das Modell eines flachen Gebäudes.
Wie erzählt ein Künstler von der Fülle der Wissensfelder, der Erlebnisse und Erkenntnisse, die im Lauf eines zehnjährigen Forschungsprojekts stattfanden? Wie ­visualisiert er sein Anliegen, das «zerstreute Wissen in einem gemeinsamen Denken zusammenzubringen»? Steinmann tut es, indem er unterschiedlichste Dinge in ­einem poetischen Schwingungsraum zusammenführt, ein atmosphärisches Feld herstellt, in dem er manches erklärt und kommentiert, anderes offen lässt.
Im grossen Entwurf droht allerdings das einzelne bisweilen abhanden zu kommen. Gleich im ersten Raum wird ein kurzer Film mit älteren Frauen gezeigt. Mit bunten Trachten geschmückt, singen sie einen kurzen - als Loop gezeigten - Refrain. Sie heben ihre Schürzen, tanzen und gestikulieren. Ich frage den Künstler, ob er mir sagen kann, wovon sie sprechen. Steinmann erklärt, dass die Frauen klassische Volkslieder der Republik Komi singen, er habe sich mit dem lokalen Wissen auseinandergesetzt und diese Frauen als «Partnerinnen» geschätzt. Mit ihnen hätte er Begehungen in den Wäldern unternommen, sie hätten ihm Heilpflanzen gezeigt und wo er die besten Pilze finde. Nicht nur mit Experten aus der Kunst baue er seine Netzwerke auf, sondern auch mit der lokalen Bevölkerung. Und schliesslich erklärt er: Unübersetzt habe er das kleine Lied deshalb belassen, um die «sonderbare Autonomie» der Komi vor Augen zu führen. Sie hätten eine eigene Sprache entwickelt, die meistens nicht mal für seinen russischen Übersetzer verständlich gewesen sei. Also lasse er sie auch hier in der Ausstellung ganz autonom und für sich singen. Das Liedchen handle wohl von den Gesten der in ihrer Kultur üblichen Gastfreundschaft, es erzähle vom Korb mit Pilzen drin, vom Brot, das man sich reicht.

Wissenschaft und Mystik

Die Suche nach disziplinübergreifenden Erkenntnissen, nach dem grossen wissenschaftlich-poetischen Bogen, kann, so scheint mir, dazu führen, dass einzelne Elemente untergehen oder auch instrumentalisiert werden. Ein so repräsentativ in Szene gesetzter, folkloristischer und kaum kommentierter filmischer Auftritt der ­Komi-Frauen in ihren bunten Trachten fördert eher den exotisierenden und pauschalen als den poetischen Blick.
‹Kunst ohne Werk aber mit Wirkung›, 2010-2013, heisst eine weitere Arbeit, deren Entstehung anhand diverser Dokumente und Spuren, Bilder und Bücher vor Augen geführt wird. Im Rahmen eines Kunst und Bau-Projekts zuhanden eines neuen Dienstgebäudes der ara region bern (Abwasserreinigungsanlage) konnte Steinmann von Beginn an das wachsende Gebäude mitgestalten, bzw. «mitanmischen». Während der Bauphase fügte er sämtlichen Baumaterialien auf Wasserbasis - dem Rohbeton, dem Gips, dem Aussenverputz und den Farben - in genau berechneten Mengen mineralhaltiges Quellwasser aus Scuol oder Tarasp bei. Steinmann spricht in Anlehnung an Überlegungen aus der Quantenphysik von «informieren». Scheinbar feste Materialien werden als konstant bewegend und sich gegenseitig beeinflussend verstanden. Mineralwasser, mit dem sich der Künstler schon lange beschäftigt - Mineralien-Kugeln auf einigen Tischen zeugen davon - enthält Stoffe, die, mit anderen Materialien kombiniert, zu etwas Neuem führen können. Er habe das Gebäude wie ein Instrument behandelt, sagt der Künstler, er habe «einen Resonanzkörper mit Mineralwasser in Schwingung versetzt». Der zur Reinigung von Abwasser dienende Baukörper wird nun also von heilendem Quellwasser durchdrungen, eine Vorstellung, die wunderbar inspirierend wirkt, denn was man gemeinhin eher mit gerümpfter Nase assoziiert, wird durch diesen fast rituell anmutenden Gründungsakt in eine liebevoll zugewandte Geschichte eingebettet. Auch im Christentum gibt es Taufakte. Ich frage den Künstler, welche Rolle dem Mystischen in seiner Arbeit zukommt. «Solche Assoziationen möchte ich nicht in den Vordergrund stellen», antwortet er, die Ausgangslage sei «vorerst wissenschaftlich». Aber natürlich habe Wasser auch eine spirituelle, in allen Weltkulturen für Rituale genutzte Ebene.
Weil gänzlich unsichtbar führte der Eingriff des Künstlers damals zu heftigen Diskussionen. Die ara region bern aber ernannte ihn - auch weil er als weitere Intervention für zwei Jahre einen Wasserbeirat etablierte - zum offiziellen Botschafter in Fragen der Wasserhygiene, und als solcher hat Steinmann bereits mehrfach an wichtigen Konferenzen teilgenommen. «Die Wissenschaftler denken, sie wüssten schon alles, und fragen sich, warum ein Künstler dabei ist, und dann kommt diese ästhetische oder poetische Ebene dazu, und plötzlich sehen sie das Wasser in einem anderen Kontext. Das sind die entscheidenden Momente der Verdichtung oder Potenzierung meiner dreissigjährigen künstlerischen Praxis.»
Für seine Installationen im Ausstellungskontext arbeitet Steinmann mit einer
Fülle von Materialien und Kleinteilen, um seine Recherchefelder abzustecken, zugleich operiert er im Aussenraum mit minimalistischen, reduktionistischen Gesten, die sich mit Architektur verbinden - und die in ihrer Klarheit mehr noch als die Installationen im Museum überzeugen.

Hütten der Umweltethik
Eingeladen, im estnischen Tallin eine Ausstellung zu realisieren, liess Steinmann in ‹Ruumi naasmine› (Die Rückkehr des Raumes), 1992-1995, mit dem zur Verfügung stehenden Geld die heruntergekommene Kunsthalle renovieren. In ‹Das Werk Saxeten›, 2002-2006, wurden als kommunikations- und reflektionsfördernde Elemente eine Brücke und eine Klause erstellt. Auch in jüngster Zeit versucht Steinmann, an verschiedenen, häufig landschaftlich abgelegenen und geschichtsträchtigen Orten einfache Behausungen aufzubauen - so auch in einem der ältesten Naturschutzgebiete Deutschlands, auf der Insel Vilm im Südosten von Rügen, wo auch schon Caspar David Friedrich oder Carl Gustav Carus künstlerisch tätig waren. Wie die meisten von Steinmanns Projekten ist dies ‹Mittendrin am Rande›, 2012 -, ein transdisziplinäres Forschungsprojekt, lanciert vom Künstler u.a. zusammen mit dem deutschen Philosophen und Umweltethiker Konrad Ott. Geplant ist eine begehbare Skulptur auf einer Waldlichtung in Form eines einfachen Gehäuses, das als «dialektischer Körper» gedacht ist, als Ort der Kontemplation, als Rückzugs- und Denkort für Kunstschaffende und Wissenschaftler/innen. Konrad Ott, der in Thun eine Rede hielt, sieht die Hütte von Steinmann im Kontext älterer, der Umweltethik verpflichteter Behausungen. Henry David Thoreaus Hütte am Waldensee in Massachusetts war diesbezüglich wohl die Urhütte; Martin Heidegger nutzte eine einfache Unterkunft in Todtnau-Todtnauberg im Schwarzwald zum Denken; der norwegische Philosoph Arne Naess, Begründer der Deep Ecology, zog sich in seine Hütte Tvergastein auf der Hochebene Hardangervidda in Norwegen zurück. Welch schöne Ahnenreihe für Steinmanns architektonische Hüllen - die Unterschiede aber liegen auf der Hand. Haben diese Philosophen ihre Klausen oder Meditationszellen für sich selbst eingerichtet, will Steinmann sie für andere aufbauen, und sie sollen weniger einem Einzelnen, sondern vor allem dem transdisziplinären Austausch und einer wechselnden Bewohnerschaft dienlich sein.
Die Zitate fussen auf einem Gespräch mit dem Künstler in der Ausstellung.
Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem kirgisischen Künstler Shaarbek Amankul, dem amerikanischen Sänger und Liederschreiber Mike Henderson, dem Schweizer ­Architekten Jost Kutter und dem deutschen Philosphen Konrad Ott. Im Rahmen der Ausstellung wurde von Steinmann der Prix Thun für Kunst und Ethik (2014-) lanciert. Ziel ist es, die Innovationskraft künstlerischer und kultureller Strategien für die Entwicklung nachhaltiger, ökologischer und kultureller Strategien zu ­fördern.

Bis: 23.11.2014


George Steinmann (*1950, Bern) lebt in Bern

Studium von Grafik-Design, Malerei, Musik, afrikanisch-amerikanische Geschichte in Bern, Basel und San Francisco
1970-1975 Aufenthalt in Finnland
2011 Ehrendoktorwürde der philosophischen und historischen Fakultät der Universität Bern
Lehr- und Forschungsmandate sowie Vortragstätigkeit an Hochschulen und Universitäten in Europa, USA, Asien

Ausstellungen
1989 Pori Art Museum, Pori
1996 Museum of Contemporary Art, Helsinki
1997 Art Gallery of Ontario, Toronto
2007 Helmhaus Zürich
2012 Zentrum für Gegenwartskunst, Nairs
2012 LACE Los Angeles
2014 Kunstmuseum Thun

Projekte im Aussenraum
1992-1995 ‹Ruumi Naasmine›, Tallinn
1997-2007 ‹Komi. A growing sculpture›, Komi (Teilrepublik Russlands)
2002-2006 ‹Das Werk Saxeten, eine wachsende Skulptur›, Saxeten
2009-2012 ‹Kunst ohne Werk aber mit Wirkung›, ara region bern, Bern



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Ausgabe 11  2014
Ausstellungen Call and Response. Geroge Steinmann im Dialog [06.09.14-23.11.14]
Ausstellungen George Steinmann [25.10.14-22.11.14]
Institutionen Kunstmuseum Thun [Thun/Schweiz]
Institutionen Béatrice Brunner [Bern/Schweiz]
Autor/in Brita Polzer
Künstler/in George Steinmann
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