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Ansichten
11.2014


 Indien ist eins der Länder, das sich auf das Recycling von Elektro­schrott spezialisiert hat. Von überallher wird er dorthin transportiert, Halden werden aufgeschüttet und bilden ganze Landschaften. Raphael Perret folgt den Spuren des Recyclings und seines Verkehrs im Projekt ‹recycling yantra›.


Ansichten - Alchimie, die Lust am Schrott


  
Raphael Perret · Mandoli - The Yellow Pond, 2013, Chromira Print, 33x24 cm


Ein länglich rechteckiges Areal, eingefasst von einer Mauer aus Ziegelsteinen, das schräg im Bild liegt. Am vorderen Ende ist es angefüllt mit Schrott, man erkennt Metallteile, die sich farbig abheben. Die daran anschliessende Fläche leuchtet in einer Farbigkeit, die dem Bild ein ganz besonderes Gepräge gibt. Ein schmutziges Gelb, das umso mehr strahlt, als es sich gegen das Dunkel der Mauer und der angrenzenden Landschaft abhebt. Die Backsteinmauer, welche die Szenerie auf der rechten Seite begrenzt, ist am Zerfallen. Es ist ein Ort, wie man ihn am Rand von Städten finden kann, wo die Stadt zerfranst, wo sie zerfällt. Dort stösst man auch auf Gerippe und Skelette von Gebäuden, die nie zu Ende gebaut sind, auf Höfe, die verlassen und am Auseinanderfallen, von Unkraut überwuchert und mit Abfall übersät sind. Dort, wo die Stadt von sich selbst abfällt, wo sich die Kehrseite des Begehrens zeigt. So liegt dieses Areal in doppelter Hinsicht schräg in der Landschaft. Es bezeichnet die Auflösung der Stadt, die Zerstörung der Dinge und damit den Zerfall von Ordnung. Auch den des Bildes selbst. Es zeigt von vornherein etwas, von dem man noch gar nicht weiss, was es ist. Und es ist faszinierend gerade auch deswegen, weil es keine Orientierung erlaubt. Es ist ein Bild von etwas Neuem. Dieses Neue scheint wertvoll zu sein. Nicht nur, weil es beinahe leuchtet wie Gold, sondern auch, weil es eingefasst und abgeschlossen ist. Er scheint behütet, dieser Schrott, dieser Zerfall.
Von Raphael Perret wissen wir, dass in dieser Gegend mit Hilfe von Säuren und Laugen Recycling und Alchemie betrieben wird. Unter freiem Himmel wird - mit ätzenden Gasen und höchster Gefahr für die Gesundheit der Arbeiter/innen - aus Elektroschrott Kupfer gemacht, das gesucht ist und teuer verkauft werden kann. Nochmals Zerfall: als Zersetzung durch Säuren und Gifte. Die Mauer umschliesst also nicht nur Kostbares, sie verbirgt auch Verbotenes und Gefährliches. Das ist die dunkle Seite, die das Leuchten nur noch intensiver macht. Recycling, das wird hier vorgeführt, ist als Kreislauf beides: die Faszination und die Lust am Zerfall, an seiner zwielichtigen Schönheit, wie auch die Angst vor ihr, dieser Gefahr, die dieses Schräge, diese Auflösung der Mauern und der Grenzen auch ist. Recycling yantra - ein Kreislauf des Begehrens.
Olaf Knellessen ist Psychoanalytiker mit eigener Praxis in Zürich. olaf@knellessen.ch

Bis: 25.01.2014


Veranstaltung zum Recycling von Elektroschrott (zusammen mit Migros-Kulturprozent), 13.12., ab 14 Uhr



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Ausgabe 11  2014
Ausstellungen Nie jetzt. Kunst aus Zürich [05.12.14-25.01.15]
Institutionen Helmhaus [Zürich/Schweiz]
Institutionen Kunsthof Zürich [Zürich/Schweiz]
Künstler/in Raphael Perret
Künstler/in Olaf Knellessen
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