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Besprechung
11.2014


Françoise Theis :  Das Kunsthaus Langenthal macht in der Ausstellung ‹Megarave› einen Spagat zwischen zwei digitalen und elektronischen Neuerungen, die Ende der Achtzigerjahre begannen: der Ravekultur und dem ‹WWW› und fokussiert dabei auf deren Aneignung und Interpretation durch junge Kunstschaffende.


Fribourg, Langenthal : Megarave - Eintauchen in «unlängste» Vergangenheit


  
MSHR (Brenna Murphy, Birch Cooper) · Resonant Hyper Symbol Modulator, 2013, Ausstellungsansicht Kunsthaus Langenthal. Foto: Martina Flury Witschi


Als über Vierzigjährige ist man verführt, während des Ausstellungsrundgangs in Nostalgie zu schwelgen: Das waren noch Zeiten, als man die erste E-Mail-Adresse aus Ziffern und Punkten besass, man mit dem ersten Browser, dem Netscape Navigator, ins Netz ging oder die erste eigene Homepage unter ‹geocities› baute - in einer handgestrickten Pixel-Ästhetik. Die Schau macht nun deutlich, dass zwei zeitgleiche - wenn auch unterschiedliche - Neuerungen zu Massenphänomenen wurden und beiden ein Bedürfnis nach Gemeinsamkeit zugrunde liegt: So trafen sich an den «Raves», den Tanzpartys zu Technomusik, Tausende, die sich dem gemeinsamen Elektrobeat hingaben. Gleichzeitig prägte das Vernetzen und Kommunizieren über physische Distanzen die Anfänge des WWW. Unterdessen sind die gros­sen Raves Geschichte, die Techno-Beats in die Mainstream-Musik integriert und die «hochansteckende iPhonitis» schon wieder am Abklingen.
In der Ausstellung werden Archiv-Materialien einer der Pionierinnen der Netzkultur gezeigt: Barbara Strebel (*1962, Basel) hat mit ‹THEswissTHING› den Schweizer Knoten des ersten Künstler-Computernetzwerkes ‹The Thing› initiiert. Das war 1994, als zeitgleich auf dem Berner Gugelmann-Areal Roggwil - in der Nähe des Kunsthauses Langenthal - die grossen Megaraves begannen. Im Kunsthaus stossen wir nun beispielsweise auf das Bild eines nackten, weiblichen Körpers - die wohl häufigste mit Photoshop bearbeitete Abbildung überhaupt. Und die allererste, denn sie zeigt die Frau einer der Photoshop-Gründer in Rückenansicht am Strand sitzend und wurde als Beispielbild publiziert. Mit ironischer Geste tapeziert Constant Dullaart den Flurbereich mit einer Interpretation des Bildes, dessen Formen und Konturen er zerfliessen lässt. Augenfällig ist die hohe Beteiligung von Künstlerinnen - Olia Lialina, Lorna Mills, Giselle Zatonyl -, die u.a. Arbeiten zu animierten GIFs zeigen. Mit ‹Resonant Hyper Symbol Modular›, 2014, hat das Künstlerpaar MSHR, Brenna Murphy und Birch Cooper, eine interaktive und immersive Installation über drei Räume angelegt, in der Musik, Netzkunst, Psychedelisches und Volkskunst zusammenkommen.
Raffael Dörig, Leiter des Kunsthauses, ist es gelungen, nicht retrospektiv zu arbeiten, sondern neben dem erwähnten Spagat den Bogen in die Gegenwart zu schlagen. In Kooperation mit Wallriss, die in Fribourg mit ‹Metarave› I und II den Kreis schlies­sen, entstand auch eine lesenswerte Publikation.

Bis: 16.11.2014



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Ausgabe 11  2014
Autor/in Françoise Theis
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