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Besprechung
11.2014


Katharina Holderegger Rossier :  Die Gründungsdirektorin des Centre Dürrenmatt, Janine Perret Squaldo, verabschiedet sich mit einer gewagten Schau zu ­Anfang, Ende und Sinn der Welt: eine Kollision der religiösen Ikonografie Friedrich Dürrenmatts mit Jean-Frédéric Schnyders ‹Schwyzer Hüsli› und Jim Shaws ‹Didactic Art Collection›.


Neuchâtel : ‹The Hidden World› - Metaphysik auf dem Markt der Wahrheiten


  
links: Jean-Frédéric Schnyder · Landschaft IV (Paysage IV), 1990/91, Öl auf Leinwand, 21x30 cm, Aargauer Kunsthaus, Aarau
rechts: Links: Friedrich Dürrenmatt · Hundeliebender Papst (Papes aimant les chiens), 1966, Öl auf Leinwand, 64,5x53,5 cm, CDN, Courtesy Confédération suisse. Graphisme affiche: The Bells Angels Rechts: Walter Ohlson · Jesus-Spokeman to Distorsion (The Bethel Series), 1960, Sammlung Jim Shaw


Das von Marc-Olivier Wahler zusammen mit dem kunsthistorischen und theologischen Seminar der Stadt entwickelte Projekt ist zurzeit wohl eine der grösseren Drachensaaten unter den Ausstellungen weit und breit. Die Schau rutscht vom Turm über den Balkon in die Halle des Bottabaus ab - zumindest nach den herkömmlichen Massstäben der Kunstgeschichte, die trotz aller Versuche einer Verflachung ihrer Hierarchien erstaunlich traditionsgebunden geblieben ist.
Nach den mit berückender Einfühlung in Figuren und Situationen Dürers, Tizians und Rembrandts antwortenden Kreuzigungen, Apokalypsen und Papstporträts von Friedrich Dürrenmatt muss man jedenfalls zuerst einmal kräftig durchatmen, ehe man die kitschigen Veduten Jean-Frédéric Schnyders (*1945, Basel) aufnehmen kann, in denen er Schweizer Suburbanität mit Ikonen und Ritualen der Erinnerung an (heils-)geschichtliche Geschehen von Weihnachten bis Auschwitz und Hiroshima liiert hat. Was aber tun mit der überbordenden Masse visueller Werbung und Erziehung von US-amerikanischen Heilslehren und Konspirationstheoretikern, die Jim Shaw (*1952, Midland) frenetisch sammelt und nun im Museum zeigt?
Die hyperrealistischen Schilderungen von Einfällen von Ausserirdischen, die slapstickmässig braves und böses Verhalten markierenden Fotoserien der Mormonen, die jede surrealistische Schöpfung an Absurdität übertreffenden Bibelillustrationen der Lutheraner - es ist unmöglich, sie davon freizusprechen, was sie sind: Stinkendes Propagandamaterial von Sekten aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das seine unterhöhlte Weltherrschaft auch mit einem Wiederaufflackern chiliastischer Ängste bezahlt. Im bunten Haufen hebeln sich sämtliche Ideologien jedoch wie von selbst aus, während die Qualität ihrer gestalterischen Umsetzung hervortritt.
So hat sie also etwas für sich, die Marc-Olivier Wahler bei diesem Projekt leitende Intuition, dass Jim Shaw mit diesem irren Sammelsurium dem Ziel der radikalen Kunst des 20. Jahrhunderts näher kommt als jedes ihrer Werke, nämlich allen Artefakten ohne Vorurteil eine eigene Realität neben der unsrigen zuzugestehen. Ein solcher Durchbruch wäre dabei vermutlich auch im Sinne des Hausherrn gewesen, obschon dieser mit der bildenden Avantgarde nie viel am Hut hatte. So soll Dürrenmatt selbst Gott für nicht mehr und nicht weniger als die schönste Erfindung der Menschheit gehalten haben.

Bis: 07.12.2014


Mit Publikation in zwei Formaten



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Ausgabe 11  2014
Ausstellungen The Hidden World [24.08.14-07.12.14]
Institutionen Centre Dürrenmatt [Neuchâtel/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
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