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Besprechung
11.2014


Heidi Brunnschweiler :  Was kann eine Ausstellung mit Texten zur Fotografie leisten und welche neuen Erkenntnisse lassen sich dabei für die Geschichte des Mediums gewinnen? Diesen Fragen stellt sich eine Schau im Fotomuseum. Sie wirkt dort am stärksten, wo sie unerwartete Dialoge zwischen Texten und Werken eröffnet.


Winterthur : Manifeste ­- Eine alternative Geschichte der Fotografie


  
Nobuyoshi Araki · Otoko to onna no aida niwa shashin ki ga aru, 1978, Tokio: Byakuya-Shobô, 1978, Cover des 1978 in Buchform veröffentlichten Manifest-Textes


Auf Displays, die an ein aufgeschlagenes Buch erinnern, werden Texte zur Fotografie in ihrer ursprünglichen Erscheinung als vergrösserte Reproduktionen gezeigt. Optisch sehr eindrücklich ist bspw. das Cover von Fox Talbots ‹The Pencil of Nature›, 1844-1846, mit neugotischer Ornamentierung, oder die skandierende Typografie von Germain Krulls ‹Etudes de Nu›, 1931. Die Kuratoren bündeln diese in unterschiedlichen Kontexten publizierten Texte unter einem sehr weitgefassten Manifest-Begriff. Neben Klassikern der Fotogeschichte wie Moholy-Nagys ‹Die Beispiellose Fotografie›, 1927, gibt es zudem wenig bekannte Texte, auch aus aussereuropäischem Kontext, zu entdecken. So befassen sich viele Autor/innen mit der Fotografie als spezifischem Bildverfahren - Emerson, Strand, Group F 64, Steyerl - oder auch als politisches Instrument. So wendete sich Edwin Hoernle in den Dreissigerjahren der Arbeiterfotografie zu, um sie als «das Auge unserer Klasse» für die kommunistische Revolution in Stellung zu bringen. Hossam el-Hamalawy beschwört die massenaufklärende Wirkung des Kamerabildes im Kontext der jüngsten Demonstrationen in Ägypten. Ai Weiwei hingegen hinterfragt diese alten Wahrheitsansprüche.
Interessant ist die Schau dort, wo die Texte von künstlerischen Arbeiten und Fotografien der Autor/innen oder ihrer Zeitgenoss/innen flankiert sind. So besticht die Kalotypie einer Klöppelspitze bei Talbots Schrift. Nebenan verdeutlichen drei Tafeln von «ethnischen Typen» den rassistischen Charakter von Maurice Vidal Portmans Anweisungen zur anthropologischen Fotografie von 1896. Ebenfalls ins Auge fällt Man Rays illustriertes Druckwerk ‹La Photographie n'est pas l'art› von 1937, mit dem er seine fotografische Karriere bilanzierend aufgibt. Ausführlich kommt zudem die gegenwärtige Debatte zum Verhältnis von analog und digital zur Sprache. Joachim Schmids Assemblage ‹Theorie der Fotografie›, 1987, mit beschrifteten Amateurfoto-Rückseiten zeigt bspw. das Stereotyp wie auch die Poesie der «allgegenwärtigen Normalfotos» auf und weist so auf Hito Steyerls «poor image» voraus. Mit Jo Spence und Martha Rosler werden auch zwei wichtige feministische Positionen des Fotokonzeptualismus gezeigt. Den Abschluss bildet Chris Markers Projektion ‹Si j'avais 4 dromadaires›, 1966, worin er die höchst aktuelle Frage der zivilisatorischen Bedeutung der Kamera als Waffe umkreist. Man hätte sich mehr von solchen wenig bekannten Werken und unerwarteten Bild-Text-Kombinationen gewünscht.

Bis: 23.11.2014


(vorgängig Museum Folkwang Essen)



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Ausgabe 11  2014
Ausstellungen Manifeste! [13.09.14-23.11.14]
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Institutionen Fotomuseum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Heidi Brunnschweiler
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