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Besprechung
11.2014


Dominique von Burg :  Seit jeher suchen wir mit Mythen, Ritualen und Kunstwerken das Unbegreifliche zu deuten. Das Haus für Kunst Uri zeigt ­Artefakte aus vier Jahrhunderten, die von der geistigen Kraft der Kunst zeugen, das Schicksal zu beeinflussen oder hinzunehmen sowie Transzendenz zu erfahren.


Uri : Gotteserfahrung und Teufelsküche - Das Jenseits im Diesseits


  
links: John Armleder · Lubaantum, 2002/2014, Wandmalerei; Illico, 2011, vergoldetes Silber, 7x23x27 cm, Courtesy Galerie Andrea Caratsch, St. Moritz
rechts: TIM, auf dem Sockel; links davon: Loredana Sperini, o.T., 2012, Wachs, Zement, 55,5x50x35 cm, Courtesy Hauser & Wirth Collection; an der Wand: Reliquiar Heiliger Desiderius in barockem Rahmen, 18. Jh., 80x50 cm, Kloster St. Karl, Altdorf


«Nach einem Autounfall war ich gleich tot, aber noch fähig zu verstehen, was um mich herum geschah», erzählt eine Ärztin, während sie sich die grüne Operationskleidung im Sprechzimmer eines Spitals anzieht. Sie ist eine von 36 Venezianer/innen, die sich in der Videoinstallation ‹Tutti Veneziani› von 1999 (Biennale von Venedig) des Künstlerpaars Mauricio Dias (*1964) und Walter Riedweg (*1955) zu ihrem eigenen Tod als fiktive Vergangenheit äussern. Wird hier ein imaginärer Totentanz ­inszeniert, tritt uns in der schwarz-weissen Fotoserie aus der Werkgruppe ‹Katakomben, Palermo›, 1963, von Peter Hujar (*1934) die reale, mächtige, schnörkellose Präsenz von Mumien entgegen. Dagegen entleert John Armleders (*1948) wandfüllende Wandmalerei mit stilisierten Totenköpfen das Motiv von seiner christlichen Symbolik als Memento mori und transformiert es in ein dekoratives, pop-artiges Element.
In den Räumen des Hauses für Kunst Uri entfaltet sich eine ungeheuer breit gefächerte Palette von Todes- und Jenseitsvorstellungen mit Werken zahlreicher Kulturschaffender vom 17. bis zum 21. Jahrhundert. Ausgehend von der regionalen Volkskunst führt der Rundgang von einem magischen Garten mit Heilpflanzen und -kräutern über einen Käslin-Altar und einen Schwurschädel bis zu zeitgenössischen Werken auch international wirkender Kunstschaffender. Neben den vielfältigen Em­blemen der Endlichkeit und Sterblichkeit, die von der Adoration bis zur Blasphemie reichen, verstört das lebende Kunstwerk ‹TIM›, das sprichwörtlich seine Haut zu Markte trägt. Während der Ausstellungseröffnung präsentierte der Schweizer Tim Steiner seinen vollständig tätowierten Rücken mit Totenschädel und Madonna, den er 2008 für € 150'000 dem deutschen Kunstsammler Rik Reinking verkaufte, nachdem der Belgier Wim Delvoye (*1965) das Tattoo entworfen und Matt Powers es ausgeführt hatte. Dafür hat sich Steiner verpflichtet, das Kunstwerk jährlich für einige Wochen zu präsentieren. Nach seinem Tode wird die Hautpartie dem Käufer oder dessen Erben übergeben. Während von Artefakten innerhalb eines religiösen Systems eine magische, heilende Kraft erwartet wird, gerät der «verkaufte» Rücken von Steiner zur blossen Tauschware und zur Metapher für einen alles verobjektivierenden und vereinnahmenden, bis ins Privateste reichenden Kapitalismus.

Bis: 23.11.2014



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Ausgabe 11  2014
Ausstellungen Gotteserfahrung & Teufelsküche [13.09.14-23.11.14]
Video Video
Institutionen Haus für Kunst Uri [Altdorf/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
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