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Besprechung
11.2014


Markus Stegmann :  David Lamelas gilt als einer der Pioniere der Konzeptkunst. In den Sechziger- und Siebzigerjahren trat er mit strukturalistischen Filmen und Medieninstallationen an die Öffentlichkeit. Welche Wirkungen löst seine Arbeit heute aus? Eine konzentrierte Schau in der Kunsthalle Basel untersucht frühe Werke.


Basel : David Lamelas - Partitur des Denkens


  
David Lamelas · Time, 1970/2014, Permanente Installation, Klebeband, zwei gerahmte Fotografien; Study of Relationship between Volume, Space and Gravity, original drawing, 1965/2008, Figur: Holz, ­lackiert, 262x83,5x123,5 cm, Sockel: Stahl, unbehandelt, 125x125 cm, Courtesy Sprüth Magers Berlin London, Original Zeichnung im Getty Research Institute Los Angeles, Installationsansicht ­Kunsthalle Basel. Foto: Gina Folly


Wer den Oberlichtsaal der Kunsthalle betritt, nimmt am Boden eine weisse Linie wahr, die den Raum diagonal durchmisst. Sonst nicht viel: Zwei kleinformatige Fotos verschwinden an der Wand, ein Kopfhörer einsam in der Ecke. Verwaist und leergefegt öffnet sich der Saal wie ein Schlund. Doch während wir auf und ab gehen, der Linie entlangwandern, sie überschreiten, setzt sich Erstaunliches in Gang. So banal und minimal der materielle Einsatz, so wuchtig die physische und psychische Präsenz: Die Linie wandelt sich zur Partitur des Denkens, die unerschrocken ein zeitliches Davor und Danach, ein räumliches Hier und Dort definiert. Existentielle Fragen entzünden sich nach den Bedingungen von Zeit und Raum, nach deren Anfang und Ende. Die ‹Aufteilung› des Oberlichtsaals wird als Metapher unserer eigenen räumlichen und zeitlichen Begrenzungen erfahrbar. ‹Time›, 1970/2014, ist jedoch nicht nur eine Installation, sondern auch Ausgangspunkt einer Performance, an der die Besuchenden mitwirken können, so dass die Raum- und Zeitkoordinaten noch stärker ins Bewusstsein treten.
Die schwarzweissen 16-mm-Filme ‹Study of the Relationships between Inner and Outer Space›, 1969, und ‹Film 18 Paris IV.70›, 1970, können als Beispiele für den strukturalistischen Ansatz der Filme von David Lamelas (*1946) gelesen werden. Den wechselseitigen Bezügen von Personen, Räumen und Dingen untereinander wird mehr Bedeutung eingeräumt als den Personen, Räumen und Dingen selbst. Durch die technisch bedingte Unschärfe der Filme und andere zeitspezifische Details mischt sich in die Rezeption der Arbeiten aus heutiger Sicht allerdings eine gehörige Portion Nostalgie. Daher vollzieht sich die aktuelle Rezeption unter ganz anderen Bedingungen als damals. Und wie wird man die Filme erst in weiterer Zukunft wahrnehmen?
Auffallend an den Werken sind die «vollmundigen» Titel: Die weisse Linie ist mit ‹Time› betitelt, eine schlichte Skulptur am Anfang der Ausstellung mit ‹Study of Relationship between Volume, Space and Gravity›. Es sind offensichtlich die ganz grossen Themen, die hier verhandelt werden. Allerdings muss die Entstehungszeit der Arbeiten berücksichtigt werden: Eine explosive Epoche, in der ungewohnt materiearme Kunstformen heftigen Ablehnungen ausgesetzt waren. Aus heutiger Sicht hat sich dies als Konzeptkunst wie von selbst sortiert, damals jedoch betraten Kunstschaffende wie Lamelas namenloses Neuland voller Risiken.

Bis: 02.11.2014



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Ausgabe 11  2014
Ausstellungen David Lamelas [20.09.14-02.11.14]
Institutionen Kunsthalle Basel [Basel/Schweiz]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in David Lamelas
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